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Elf Tage und ein Jahr
Verfasser: Marianne Nolde (1)
Verlag: Pinguletta (13)
VÖ: 5. März 2022
Genre: Biografie (1891)
Seiten: 270 (Kindle Edition), 232 (Taschenbuch-Version)
Themen: Abschied (120), Mütter (952), Sterben (227), Töchter (710), Tod (1247)
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LESEPROBE
Das Team von Leserkanone.de bedankt sich beim pinguletta Verlag für die Einsendung dieser Leseprobe! Mehr zu Marianne Nolde gibt es auf ihrer Autorenseite, bei Twitter und bei Instagram.
Bei Amazon ist das Buch an dieser Stelle erhältlich. Bei diesem Link handelt es sich um Werbung, er enthält einen Affiliate-Code.

     Und als ihre Enkel schon vor Einführung der großen LAN-Partys anfingen, sich mit Freunden zu ›Netzwerknächten‹ zu treffen, da fand ein neues Wort in den Sprachgebrauch meiner Mutter: die ›Mehrzwecknacht‹ in Anlehnung an die benachbarte Mehrzweckhalle bei der Grundschule, in der Feste gefeiert wurden. Bereitwillig fuhr sie ihre Enkel mit ihrem Mazda zu so einer Mehrzwecknacht, wenn ich verhindert war. Die schweren Monitore und Tower konnten ihre Enkel ja schon selbst ins Auto und in die jeweiligen Wohnungen wuchten. Da wurden dann die Computer miteinander vernetzt, was manchmal Stunden dauerte, bis man sich dem eigentlichen Zweck der Mehrzwecknacht widmen konnte, nämlich dem gemeinsamen Computerspiel.
     Während meine Mutter vor sich hindämmerte, ergingen wir uns in solchen Erinnerungen, bis sie wieder am Geschehen teilnahm.
     Das kam uns ganz normal und natürlich vor, denn so kannten wir es schon lange. Meine Mutter war schwerhörig, und obwohl sie ausgezeichnete Hörgeräte hatte, war sie in Gesellschaft mehrerer Leute manchmal einfach überfordert, schaltete dann innerlich ab, schien es aber zu mögen, trotzdem dabei zu sein. Irgendwann raffte sie ihre Konzentration wieder zusammen und nahm erneut am Gespräch teil. Das war jetzt nicht viel anders.
     Wenn sie gerade wieder mehr bei uns war, setzte sie ihre Danksagungen fort. Uns fiel dann auch ein, was sie alles für ihre Familie getan hatte, und die Dankeschöns huschten in beide Richtungen hin und her.
     »Du hast doch auch so viel für uns gemacht«, erinnerte Daniel sie, wenn sie fassungslos war, dass wir uns um sie kümmerten, obwohl sie sich gar nicht mehr dafür revanchieren konnte.
     Was nicht einmal stimmte. Denn dass wir diese Zeit auf diese Weise mit ihr verbringen konnten, das fühlte sich schon damals, nicht erst in der Rückschau, so kostbar an. Ein Geschenk, das bleiben würde. So viel kann ich heute mit Sicherheit sagen.
     Immer mal wieder flossen bei uns die Tränen, während sie so gelassen und zufrieden da lag. Ich freute mich, dass meine Söhne weinen dürfen und nicht mehr aus der Generation stammen, in der das Frauensache war. Es waren keine verzweifelten Tränen. Lachen und Weinen lagen an diesem Tag ganz nah beieinander, die Grenzen verschwammen wie Aquarellfarben, die ineinanderfließen.
     So leicht kann das also gehen. Hatten wir nicht mal die üblichen Mutter-Tochter-Probleme gehabt? War da nicht was gewesen? Irgendwo, Lichtjahre weit entfernt? Worum ging es da überhaupt? Und warum macht man sich das Leben eigentlich unnötig schwer? Während ich hier so saß, leuchtete mir gerade nichts mehr davon ein.
     Noch eine letzte Sache klärte meine Mutter an diesem Tag. Ihr Kreuz. Wo war ihr Kreuz? Wir hatten Glück, David fand es auf Anhieb in der Schublade ihres Nachtschränkchens. Sie ließ sich ihre Kette mit dem Kreuz umlegen, umfasste es mit beiden Händen und würde es bis zuletzt nur noch loslassen, wenn irgendwelche Pflegehandgriffe das unbedingt erforderten.

Meine Mutter hatte keinen besonderen Sinn für Schmuck, im Gegensatz zu ihrem Mann, der ihr gern schöne Schmuckstücke geschenkt hatte. Die trug sie dann und war immer am Boden zerstört, wenn wieder etwas verloren gegangen war. Das meiste davon brachte ihr zwar der dafür zuständige heilige Antonius zurück, wenn sie zu ihm betete, aber immer klappte das auch nicht.
     Ins Altenheim hatte sie nur noch wenig Schmuck mitgenommen, und das Wichtigste, das sie in den letzten Jahren täglich trug, war das Holzkreuz aus Olivenholz, das aus Bethlehem stammen sollte. Sie hatte sich riesig gefreut, als eine Studienkollegin ihres jüngeren Enkels es ihr geschickt hatte als Dankeschön für das alljährliche Paar bunter Wollsocken zu Weihnachten. Ich glaube, es war eines der schönsten Geschenke, die sie jemals bekommen hat. Sie trug es von Anfang an häufig, im Altenheim schließlich jeden Tag. Ohne das Kreuz fühlte sie sich zuletzt unvollständig. Es gehörte einfach zu ihr.
     Mit dem Kreuz in der Hand nickte meine Mutter am Abend beruhigt ein. Es sah so aus, als ob unser Einsatz für diesen Tag zu seinem natürlichen Ende gekommen war.
     Daniel machte sich als Erster auf den Weg. Er würde die mitgenommene Arbeit von Freitag noch erledigen müssen und es schien im Moment nicht wichtig, dass wir noch alle gemeinsam bei ihr saßen. Für heute schien das Kontaktbedürfnis meiner Mutter gesättigt. Sie zog sich in sich selbst zurück. Sie würde uns schon zeigen, wann sie uns brauchte und wann nicht.
     Bald nach Daniel fuhren auch wir mit dem jüngeren Sohn in die Gegenrichtung nach Hause und ließen den Tag bei einem gemeinsamen Abendessen noch einmal Revue passieren.
     In solchen Situationen fühlt es sich für mich so gut an, eine Familie zu haben. Und wenn ich keine hätte, dann hätte ich mir sicher stattdessen eine Wahlfamilie gesucht. Ich fühlte mich gerade gut aufgehoben.
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