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Elf Tage und ein Jahr
Verfasser: Marianne Nolde (1)
Verlag: Pinguletta (13)
VÖ: 5. März 2022
Genre: Biografie (1892)
Seiten: 270 (Kindle Edition), 232 (Taschenbuch-Version)
Themen: Abschied (120), Mütter (952), Sterben (227), Töchter (711), Tod (1247)
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LESEPROBE
Das Team von Leserkanone.de bedankt sich beim pinguletta Verlag für die Einsendung dieser Leseprobe! Mehr zu Marianne Nolde gibt es auf ihrer Autorenseite, bei Twitter und bei Instagram.
Bei Amazon ist das Buch an dieser Stelle erhältlich. Bei diesem Link handelt es sich um Werbung, er enthält einen Affiliate-Code.

TAG EINS
IM KRANKENHAUS


Eine Weile schwebte ich zwischen Tag und Traum. Durch die Ritze zwischen Rollo und Fenster fiel Licht. Also war es schon Tag. Der Wecker hatte noch nicht geklingelt.
     Und er würde auch nicht klingeln. Langsam kehrte meine Orientierung zurück. Ich hatte bis zwei Uhr nachts geschrieben. An meinem ersten Buch. Es lief gut. Da für heute keine Termine im Kalender standen, hatte ich einfach weitergemacht, mich danach ins Bett gelegt und das Handy samt Weckfunktion ausgestellt.
     Probeweise bewegte ich meine Zehen und reckte mich. Es sah ganz gut aus für den Tag. Ich war wach. Das elektrische Rollo konnte ich vom Bett aus hochschnurren lassen. Durch das Dachflächenfenster gab es den Blick frei in einen wolkenlosen, hellblauen Januarhimmel. Es könnte ein guter Tag für einen Winterspaziergang werden. Nach der langen Schreibnacht würde ich es heute ruhig angehen lassen.
     Ich schaltete mein Handy ein. Es war halb zehn. Mehrere Anrufe in Abwesenheit und eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter von meinem älteren Sohn.
     »Das Altenheim hat angerufen, Oma ist im Krankenhaus. Sie haben dich nicht erreichen können. Es scheint aber nichts Schlimmes zu sein, die Pflegerin hat etwas von Verstopfung gesagt.« Der Sohn klang unaufgeregt, wir hatten so etwas beide schon oft genug erlebt.

Meine Mutter wohnte jetzt das fünfte Jahr im Altenheim. Für sie, die von einem Bauernhof stammte, war das lange undenkbar gewesen. Es war so ziemlich das Schlimmste, was sie sich vorstellen konnte: abgeschoben werden ins Altenheim. Sie hoffte immer, dass sie nach einem erfüllten arbeitsreichen Leben einfach plötzlich tot umfallen würde.
     Der erste Teil ihres Wunsches hatte ganz gut geklappt. Noch in ihren Siebzigern pflegte sie ihren großen, üppig und jahreszeitlich wechselnd bepflanzten Garten allein und bekochte ihre Enkel, wenn deren Mutter, also ich, beruflich unterwegs war. In ihren Achtzigern fuhr sie weiterhin Auto und strickte bunte Socken für die ganze Familie und jeden, der sonst noch Interesse bekundete. Ehrenamtlich besuchte sie bis fünfundachtzig alte Leute im Altenheim. Wovon sie jedes Mal erneut mit der Erkenntnis zurückkam, dass sie selbst niemals dorthin würde umziehen wollen.
     Um ihr das zu ersparen, hatten wir nach dem Tod meines Vaters ihr altes Haus umgebaut und waren zu ihr gezogen. Generationenvertrag eben. Sie hatte für meine Kinder mit gesorgt, jetzt war sie dran, dass wir uns um sie kümmern würden. So viel stand für mich fest.
     Aber mit dem zweiten Teil ihres Wunsches haperte es.
     Im Jahr nach unserem Einzug hatte sie einen schweren Bandscheibenvorfall, von dem sie sich nie mehr richtig erholt hat. Ohne Unterarm-Gehstützen konnte sie danach nicht mehr laufen, und eines Tages sah sie ein, dass ein Rollator angebracht wäre. Mit Händen und Füßen hatte sie sich dagegen gewehrt, auch als die Gutachterin, die ihre Pflegestufe einschätzen sollte, ihr dringend dazu riet. Erst nachdem sie in der Kurzzeitpflege entdeckt hatte, dass das Tablett auf dem Rollator ihren Mitbewohnern Transportmöglichkeiten bot, die sie nicht mehr hatte, ließ sie mit sich reden. Noch etwas widerwillig duldete sie das neue Gefährt in ihrer Wohnung, nur um mir wenige Stunden später begeistert zu berichten, dass sie nun endlich wieder selbstständig ausgiebig Blumengießen konnte. Der Bann war gebrochen und wir schafften umgehend einen zweiten Rollator für draußen an.
     Mit der Gartenarbeit war es dennoch vorbei, und auch das Autofahren musste sie nach einigen Jahren schweren Herzens aufgeben. Ein Pflegedienst kam täglich zu ihr ins Haus, und selbst mit dieser Unterstützung konnte sie nicht mehr allein bleiben, wenn wir Urlaub machen wollten, was wir nur selten taten. Die Lage spitzte sich immer weiter zu.
     Als wir zu ihr ins Haus gezogen waren, war das alles noch nicht absehbar gewesen. Elf Jahre und ein paar eigene Erkrankungen später hörte ich mich dann eines Tages, für mich selbst überraschend, das schlimme Wort ›Altenheim‹ aussprechen.
     Meine Mutter brauchte nur drei Tage Bedenkzeit, bis sie die unerhörte Entscheidung traf, dass sie ins Altenheim umziehen würde.
     Und das tat sie vier Monate später ohne jede Klage, ohne sich noch einmal umzuschauen, als wir das Haus verließen - ihren Schlüssel hängte sie vorher an ihren Schlüsselhaken - und befand schon in der ersten Woche, dass es ihr in ihrem neuen Zuhause gut gefalle.
     »Wenn ich gewusst hätte, wie schön das hier ist, hätte ich das viel eher gemacht«, sagte sie bei einem meiner ersten Besuche. Sie verzichtete vollständig darauf, ihrer einzigen Tochter ein schlechtes Gewissen zu machen.
     Im Gegenteil, sie blühte auf. Sie nutzte alle Angebote und ging begeistert täglich in die hauseigene Kapelle und mit dem Rollator eine Runde durch den schönen Park. Sie knüpfte Freundschaften, gewann Kegelpokale, hörte beim morgendlichen Zeitungsvorlesen interessiert zu - so wusste sie auch immer, wer in ihrem Heimatdorf gerade gestorben war - besuchte die Sitzgymnastik und ließ sich täglich das Sudoku aus der Tageszeitung kopieren und löste es dann; das frisch Kopierte war einfach schöner als die Rätselhefte, die wir ihr schenkten. Sie genoss die Zuwendung und die neuen Kontakte in vollen Zügen.
     Nach einiger Zeit fiel mir auf, dass sie nicht mehr ständig ihr Asthmaspray benutzte, und ich fiel aus allen Wolken, als ich erfuhr, dass sie überhaupt keine Asthmamedikamente mehr benötigte und gleichzeitig ihr erschreckender Husten verschwunden war.
     »Ich hatte immer so viel Angst zu Hause, wenn keiner da war«, gestand sie. »Hier ist immer jemand da.«
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