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TASCHENBUCH
 
Kurze Schnauze - große Klappe
Verfasser: Anke Ertz (1)
Verlag: Books on Demand (3316)
VÖ: 13. November 2020
Genre: Kurzgeschichte (4329)
Seiten: 266 (Taschenbuch-Version), 84 (Kindle-Version)
Thema: Hunde (864)
Voting: Dieses Buch für die Abstimmung zum Buch des Monats November 2020 nominieren
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Lesermeinungen (1)     Leseprobe
LESEPROBE
Das Team von Leserkanone.de bedankt sich bei Anke Ertz für die Einsendung dieser Leseprobe! Mehr zu Anke Ertz gibt es auf ihrer Autorenseite, bei Twitter, bei Facebook und bei Instagram.
Bei Amazon ist das Buch an dieser Stelle erhältlich. Bei diesem Link handelt es sich um Werbung, er enthält einen Affiliate-Code.

Da sitzt sie nun. Alleine im schwach beleuchteten Wohnzimmer und versucht meinen kleinen Bruder zum Schweigen zu bringen. Mit seinem Gebell wird er noch die Ganze Nachbarschaft aufscheuchen. Es gibt allerdings auch keinen ersichtlichen Grund, warum die Glocken des
     nahegelegenen Kirchturms an einem stinknormalen Mittwochabend um acht Uhr einen solchen Lärm veranstalten. Glockengeläut kann der Kleine nun mal nicht ausstehen. Meine Schwester hingegen liegt auf der Couch und pennt, während ich einen Ehrenplatz auf dem Schrank habe und das Ganze von dort aus überwache. Zumindest glaubt sie das. In Wahrheit hocke ich hier oben auf meiner Wolke und achte darauf, dass es während ihrer Spaziergänge nicht regnet. Tatsächlich mussten meine Geschwister seit ihrer Ankunft im neuen Zuhause, also seit fast fünf Monaten, keinen einzigen Morgen im Regen spazieren gehen.

Vielleicht sollte ich mich an dieser Stelle erst einmal vorstellen. Mein Name ist Rusty. Von den letzten fünfzehn Jahren habe ich vierzehneinhalb im Körper eines Malinois verbracht. Eigentlich war ich damit ganz zufrieden, aber nach so vielen Jahren schmerzten mir die Knochen doch sehr. Meine Beine wollten mir so gar nicht mehr gehorchen. Nach langen Überlegungen habe ich mich dazu durchgerungen, den Platz auf der Couch gegen den auf einer Wolke einzutauschen und es fortan mal als Engel zu versuchen. Die Flügel sind schon eine tolle Sache, aber mir läuft immer noch das Wasser im Mund zusammen, wenn auf der Erde eine Leberwurst in Frauchens Einkaufswagen landet. Ich hatte ja keine Ahnung, was ich mit dieser Entscheidung auslösen würde. Natürlich wollte ich den Platz auf dem Sofa an einen Erben weitergeben, aber hätte ich gewusst, wie traurig meine Familie über das Verschwinden meines alten, vertrauten Körpers war, ich hätte die Schmerzen noch eine Weile ertragen. Dabei bin ich doch immer noch da und verpasse keinen Moment im Leben meiner Familie.
     Aber fangen wir am Anfang an. Geboren wurde ich im Jahr zweitausend-vier, also in dem Jahr, in dem Luciano Pavarotti seinen letzten Auftritt in der New York Metropolitan Oper gab und Griechenland Europameister wurde. Ich erwähne das nur, damit Ihrer Erinnerung an dieses Jahr etwas auf die Sprünge geholfen wird. Immerhin wurde das Finale der Europameisterschaft am vierten Juli ausgetragen und nur einen Tag später erblickte ich das Licht der Welt. Einer zunächst sehr unfreundlichen Welt, wie ich anmerken möchte, denn ich landete in einem Tierheim. Glücklicherweise führte das Schicksal mein zukünftiges Frauchen ein paar Monate später in diese spartanische Unterkunft und ich bellte so lange und laut, bis sie mich in meiner Zelle erhörte. Ich besaß nichts weiter als einen guten Quadratmeter kahlen Betonboden und einen Blechnapf mit Wasser. Nun bekam ich ein schickes Halsband, eine knallrote Leine und eine Schwester. In meinem neuen Zuhause erwartete mich eine recht betagte Berner Sennenhunddame namens Petzi, die ein wenig traurig wirkte. Sie hatte vor ein paar Wochen ihre Rottweilergefährtin Gina verloren und wollte nicht allein bleiben. Allerdings wollte sie auch keinen sechs Monate alten Rüden an ihrer Seite und gab mir erst einmal einen kräftigen Schubs, der mich quer durch den Flur meines neuen Zuhauses rutschen ließ. Die Fronten waren also schnell geklärt. Nun ja, der Boden war auch wirklich rutschig. Schließlich hatte mir niemand beigebracht, dass man nicht ins Haus pinkelt. Nach knapp einer Woche hatte ich die Sache mit der Stubenreinheit drauf und meinen Platz auf dem Sofa sicher. Auch Schwester Petzi hatte sich an ihren Bruder gewöhnt. Leider war unsere gemeinsame Zeit viel zu kurz. Nur gute zwei Monate später folgte sie Gina auf die Wolke. Auf Erden habe ich nicht mehr viel von ihr lernen können, aber nun sitzen wir hier oben oft zusammen und amüsieren uns über die Anfängerfehler, die unsere Familie doch nach so vielen Hundejahren nun wirklich nicht mehr machen dürfte.

Ich weiß, dass sich viele Menschen die Frage stellen, was nach ihrem Tod auf sie wartet. Hunde stellen sich diese Frage nicht. Trotzdem war ich ein wenig überrascht, als man mir hier oben die Wahl ließ. Ich war auf Erden ein guter Hund, aber ich sollte die Chance bekommen, es noch besser zu machen. Ein Teil meiner Seele durfte, sofern ich das wollte, noch einmal auf die Erde zurück. Was glauben Sie wie ich entschieden habe? Da unten meine trauernde Familie und die Leberwurst.
      Ich gebe zu, in meinen ersten Monaten als junger Malionois im neuen Zuhause fand ich Näpfe ziemlich doof. Sowas gab es im Tierheim und diese unglücklichen Monate wollte ich nun wirklich hinter mir lassen. Ich war und blieb zunächst ein sehr, sehr dünner Hund. Mit viel Liebe und noch mehr Würsten hat mir meine Familie den Appetit zurückgegeben. Das sollte sich im Laufe meines Lebens noch rächen, aber dazu später. Für mich war klar, ein Teil meines alten Ichs würde im jungen Körper in meine alte Familie zurückkehren. Meine erste Aufgabe als Engel war aufmerksames Zuhören. Da unten auf meiner Couch wurde trotz aller Trauer über meine etwaige Nachfolge diskutiert. Der Sohn der Familie, bei meinem Einzug damals ein vierjähriges Kerlchen, hatte bereits eine feste Vorstellung vom neuen Familienmitglied. Aber versuchen Sie mal etwas von den Argumenten des inzwischen Neunzehnjährigen zu verstehen, wenn im Hintergrund Günther Jauch beim siebzehnten Zockerspecial seine Fragen stellt. Frauchen wünschte sich was Kleineres, was man auch mal unter den Arm klemmen könnte. Ich gebe zu, in Sachen Leinenführigkeit war ich nicht gerade ein Vorbild. Wenn ich aber die Diskussion richtig deutete, versuchte der Sohn des Hauses seinen Eltern gerade klarzumachen, dass man auch einen Boxer durchaus mal Tragen könnte. Ausgerechnet! Ein Boxer! Nach mehr als vierzehn Jahren spitze Schnauze sollte ich nun Lernen mit einer kurzen Nase umzugehen? Na, das konnte ja lustig werden. Aber was tut man nicht alles für ein bisschen Leberwurst. Ich musste mich schleunigst nach einer trächtigen Boxerhündin umsehen. Allzu weit durfte der Geburtsort natürlich nicht von meinem ehemaligen Wohnort entfernt liegen. Noch während Herr Jauch die zweihundertfünfzigtausend Euro Frage stellte, entschied ich mich für einen wunderschön gestromten Boxerrüden, der in wenigen Tagen das Licht der Welt erblicken sollte.
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