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Sterbewohl
Verfasser: Olivia Monti (5)
Verlag: Eigenverlag (18440), epubli (1452) und Neopubli (101)
VÖ: 3. November 2020
Genre: Dystopie (671)
Seiten: 220 (Gebundene Version), 218 (Taschenbuch-Version)
Themen: Deutschland (730), Fehmarn (14), Hotel (772), Sterben (193)
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Erklärung der Bewertungssysteme
Was tust du, wenn dein Staat dich im Rentenalter auffordert, eine Sterbepille zu schlucken, damit du der Allgemeinheit nicht zur Last fällst? Sagst du Nein und erträgst die Repressalien? Fliehst du ins Ausland? Versuchst du die Schweinerei öffentlich anzuprangern? Oder schluckst du das Gift? Deutschland ist nur noch eine Scheindemokratie. Der Staat veranstaltet neuerdings für ältere Menschen Sterbeseminare in Luxushotels. Ihnen soll dort schmackhaft gemacht werden, Sterbewohl, eine tödliche Pille, zu schlucken, um beizeiten die Allgemeinheit zu entlasten. Nadja, Anna, Max und Fred sind über 65 und in hellem Aufruhr. Alle vier haben vom Gesundheitsministerium eine Einladung zum Sterbeseminar ins komfortable Hotel Paradies auf Fehmarn erhalten. Offiziell ist das Einnehmen von Sterbewohl zwar freiwillig. Wie manche munkeln, kehrt aus den Hotels aber niemand mehr zurück.
Lesermeinungen (9)     Leseprobe     Blogger (1)
LESEPROBE
Das Team von Leserkanone.de bedankt sich bei Olivia Monti für die Einsendung dieser Leseprobe! Mehr zu Olivia Monti gibt es auf ihrer Autorenseite, bei Facebook und bei Instagram.
Bei Amazon ist das Buch an dieser Stelle erhältlich. Bei diesem Link handelt es sich um Werbung, er enthält einen Affiliate-Code.

     Konnte das sein? Waren die Lehmanns wirklich so krank? Wer hatte das festgestellt? Wieso hatte Frau Lehmann noch vor wenigen Wochen so heiter und gesund gewirkt? Und auch ihn hatte ich als gut gelaunt und robust in Erinnerung. Und nun waren sie auf einmal Todeskandidaten? Und dann noch beide? Hatten es ihre Kinder geglaubt? Ich blieb damals sehr verunsichert zurück. Und Annas Erklärung, es sei möglich, dass etwas so Gravierendes wie bei den Lehmanns diagnostiziert werde, solange es einem noch tadellos gehe, beruhigte mich kein bisschen.


Kapitel 7


Bevor ich noch einen Sachwalter für meine Angelegenheiten benennen konnte, lud mich eine Beamtin des Gesundheitsamts telefonisch zu einem Informationsgespräch ins Rathaus ein. Eigentlich war ich gerade dabei, die Adresse einer Großkusine ausfindig zu machen. Meine Eltern hatten den Kontakt zu den Verwandten nicht gepflegt und so stand ich nach ihrem Tod so da, als hätte ich gar keine Verwandten. An die Großkusine erinnerte ich mich aus meiner Kindheit. Sie war damals ein harmloses junges Mädchen gewesen, das Pharmazie studierte. Sicher war sie inzwischen Apothekerin. Ihr könnte ich vertrauen. Und ich konnte mir auch vorstellen, sie als Erbin einzusetzen.
     Die Suche nach meiner Großkusine wurde durch das amtliche Telefonat unterbrochen. Die Frau am Telefon, die sich als Frau Winter vorstellte, lud mich auf den Nachmittag vor.
     Ich empfand es nicht nur als unangenehm, dass mich die Behörde direkt anrief, statt mir zu schreiben, auch die Stimme dieser Frau Winter war mir sofort unsympathisch; sie schien keinen Widerspruch zu dulden.

Frau Winter hatte ein Vorzimmer. Ich befürchtete schon, sie ließe mich dort mit den anderen zehn dort sitzenden Personen warten. Die Vorzimmerdame winkte mich aber gleich weiter und schob mich durch eine Tür in ein leeres Büro. Dort setzte ich mich vor einen Schreibtisch. Eine Minute später erschien Frau Winter in einem, wie ich fand, unpassenden schwarzen Kostüm. Sie hatte straff nach hinten gekämmtes Grauhaar. Im Nacken war es zu einem Knoten gezurrt. Ihr Mund wirkte unangenehm spitz mit dem dick aufgetragenen dunkelbraunen Lippenstift.
     Zuerst stellte sie mir eine ganze Menge Fragen. Ich fühlte mich rasch verwirrt. Sie wollte alles Mögliche über meine Hobbys, meine Vorlieben, meine Freunde wissen. Gingen diese Fragen nicht zu weit? Dann schlug sie mir einen amtlichen Sachwalter vor, einen Herrn Kundo. Als ich an dessen Stelle meine Großkusine vorschlug, fragte sie mich, ob ich diese denn gut kenne. Es war mir peinlich, das zu verneinen. Erst später wunderte ich mich, woher die Winter ahnen konnte, dass ich zu meinen Verwandten keinen Kontakt mehr hatte. Da ich mich irgendwie erschlagen fühlte, willigte ich ein, Herrn Kundo als meinen Sachwalter zu akzeptieren. Damit bliebe mir die mühsame Suche nach meiner Kusine, das leidvolle Wiederanknüpfen einer Beziehung nach so vielen Jahren erspart. Auch musste ich diesen Herrn Kundo nicht treffen, ihm keine Unterlagen aushändigen und nicht meinen Wohnungsschlüssel übergeben, wie ich eine Sekunde lang befürchtet hatte. Ich war also in dem Moment gar nicht so unzufrieden, wie die Dinge liefen. Dann aber machte Frau Winter einen Vorschlag, der mich zutiefst verstörte. Sie zog aus einer Schublade ihres Schreibtischs ein Papier und legte es mir zur Unterschrift vor: Ich sollte den Staat als Erben einsetzen!

Als ich anfing zu erklären, dass ich lieber eine Person meiner Wahl einsetzen würde, meinte die Winter emotionslos: „Wie wollen Sie so schnell jemanden aus dem Hut zaubern?“, sagte dann aber in einem fast einschmeichelnden Ton: „Das ist doch nur provisorisch. Angenommen, Sie entschließen sich, noch nicht zu sterben, wie so viele, dann können Sie den Wisch hier zerreißen. Es geht jetzt nur darum, Nägel mit Köpfen zu machen. Wir stehen unter Zeitdruck. Der Hotelaufenthalt auf Fehmarn hat sich für Sie kurzfristig ergeben, weil eine andere Person abgesagt hat.“ Sie räusperte sich, als ich nicht antwortete, und fuhr fort: „Es ist eine besondere Gunst, die der Staat Ihnen erweist, wenn er Sie kostenlos zum Seminar einlädt. Und ich versichere Ihnen, es wird Ihnen dort an nichts fehlen. Sie werden es genießen. Es werden Ihre schönsten bezahlten Ferien werden.“ Jetzt lächelte sie sogar.

Ich war durcheinander und müde. Um die Sache hinter mich zu bringen, unterschrieb ich einfach.
     Im Nu war ich wieder auf der Straße. Sobald ich unterschrieben hatte, hatte diese Frau Winter mich so schnell verabschiedet und aus dem Büro geschoben, dass ich es fast nicht mitbekam. Es war genauso wie bei meinem Hausarzt.

Ich steuerte verwirrt auf die Bushaltestelle zu. Erst im Bus konnte ich meine Gedanken sammeln. Ich hatte tatsächlich eben den Staat als meinen Erben eingesetzt. Ich hatte eine Sache getan, die ich nie hatte tun wollen. Die mir bislang nicht einmal in den Sinn gekommen war. Vielleicht machten sie es mit den Alleinlebenden systematisch so. Der Trick war, sie setzten dich unter Zeitdruck – ich etwa hatte nur noch wenige Tage bis zur Abreise ins Sterbehotel – und da wollten viele nicht noch die Mühe auf sich nehmen, Erben zu suchen, und unterzeichneten einfach. Eine Rolle hatte vielleicht auch gespielt, dass die Winter mir eingeredet hatte, ich könne meine Entscheidung jederzeit wieder rückgängig machen. Ich wollte es glauben, als ich in ihrem Büro saß. Manchmal hat man einfach nicht die Kraft, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Die Wahrheit kann schrecklich sein wie ein Gorgonenhaupt: Man versteinert, wenn man es anblickt. Es kann besser für einen sein, die Wahrheit für eine Weile zu ignorieren, um funktionsfähig zu bleiben.


Kapitel 8


Als ich gegenüber von unserem Haus aus dem Bus stieg, gab es einen größeren Menschenauflauf vor einem der Blocks. Ein Polizeiwagen stand vor der Einfahrt zur Tiefgarage. Das Blaulicht auf seinem Dach blinkte noch. Dann sah ich auch einen Krankenwagen. Zwei Sanitäter trugen eine Person auf einer Bahre aus dem Haus. Sie schoben die Bahre aber nicht in den Krankenwagen, sondern ... da war noch ein länglicher schwarzer Wagen mit getönten Scheiben ... sie schoben sie ins Innere eines Leichenwagens. Die Tür des Wagens schloss sich mit einem dumpfen Plopp. Zwei Männer stiegen vorne ein und fuhren davon. Polizei- und Krankenwagen folgten. Die Menge löste sich schwätzend auf. Anna war in der Menge der Schaulustigen. Sie sah mich an der Bushaltestelle und kam zu mir herüber.

„Was ist passiert?“, fragte ich sie.

„Ein fünfzigjähriger Mann hat sich umgebracht. Er war seit Längerem arbeitslos.“ Anna fuchtelte mit den Händen. Das tat sie, wenn sie etwas besonders Wichtiges mitzuteilen hatte. „Stell dir vor, er hatte Frau und Tochter. Wie die sich fühlen müssen ...“

Ich erschrak. „Weißt du, wie er hieß?“

„Jemand sagte so was wie Diedrichson.“ Anna runzelte die Stirn. „Ist schon rücksichtslos von einem verheirateten Familienvater, einfach so zu gehen ...“

Ich sah hoch zum fünften Stock. Dort wohnten die Diedrichsons. Ich kannte die beiden vom Einkaufen im Supermarkt. Wir sprachen öfters miteinander. Herr Diedrichson wirkte seit einiger Zeit zunehmend verzweifelt. Ebenso war mir seine Frau die letzten Wochen sehr bedrückt vorgekommen. Und was neuerdings seltsam war: Wenn sie mich im Supermarkt sah, mied sie mich, ging schnell zur Kasse und verschwand. Zuvor hatten wir immer mindestens fünf Minuten miteinander gesprochen.

Anna wirkte auf einmal nachdenklich. „Vor ein paar Jahren wurde eine meiner Kolleginnen, Stella Mancrallo, arbeitslos. Ihre Stelle wurde wegrationalisiert. Das Altersheim hat damals ein Drittel der Belegschaft entlassen und wir, die Zurückgebliebenen, mussten dann deren Arbeit einfach miterledigen. Wie das ging, fragte keiner. Ab und zu traf ich Stella noch auf einen Kaffee in der Stadt. Sie musste sich gleich am ersten Tag ihrer Freistellung bei der Agentur für Arbeit melden. Die teilten sie dann für einen neuen Job ein. Den lehnte sie zuerst ab. Dann musste sie wieder und wieder dort erscheinen, und schließlich nahm sie ihn an. Sie putzt jetzt Toiletten im Schlosshotel. Als diplomierte Pflegerin! Wer weiß, wie sie Diedrichson zugesetzt haben, zu was sie ihn drängen wollten?“

„Ich verstehe das nicht. Das macht für mich keinen Sinn. Stella hätten sie doch anders vermitteln können. Pflegekräfte sind gesucht.“

Anna blies hörbar Luft durch die Nase. „Je schneller du jemanden vermittelst, desto mehr Bonuspunkte kriegst du, die dann ausgezahlt werden. Wenn der Beamte gerade keine Pflegestelle auf dem Tisch hat, nimmt er, was er gerade dort liegen hat, egal, was es ist. Der sucht nicht extra eine passende Stelle, selbst wenn es massenhaft passende Stellen gibt. Das ist zu viel Aufwand.“

Mir wurde ein wenig schlecht. „Ja, tut denn gar niemand mehr was für den anderen?“

„Wer weiß, was sich der Beamte in der Agentur für Arbeit dabei gedacht hat ... Er hat vielleicht an den gigantischen Flachbildfernseher gedacht, den er anschaffen möchte, an die Reise nach Sylt mit seiner Freundin ...“

„Das kann nicht lange gut gehen.“

„Es geht gut“, erwiderte Anna laut. „Denkst du, jemand wie Stella rebelliert? Einen Aufstand müssen sie nur von den oberen Zehntausend fürchten. Revolutionen gehen praktisch nie von den unteren Schichten aus. Die sind doch viel zu sehr damit beschäftigt zu überleben. Die Französische Revolution – das ist mir noch aus dem Geschichtsunterricht in Erinnerung geblieben, weil’s mich so gewundert hat –, die haben wohlhabende Bürger losgetreten, die neidisch auf den Adel waren.“

Wir gingen zu uns nach Hause und ich dachte traurig darüber nach, dass unser Staat seine Bürger wie Dreck behandelte. Wir waren in vergangene Zeiten zurückgefallen. Zeiten, in denen es keine Bürger gab, sondern nur Untertanen, die das Leben der oberen Stände finanzieren mussten und dann noch zu Kanonenfutter wurden. Das war doch kein moderner Staat! Ein moderner Staat stand im Dienst der Bürger und nicht umgekehrt. Der moderne Staat leistete Dienste, er beschützte unsere Freiheit und sorgte für uns. Der moderne Staat verdiente sogar Geld für seine Bürger. Und wenn die Regierenden das schlecht machten, wurden sie einfach abgewählt ...

Bevor wir uns im Treppenhaus verabschiedeten, wollte mich Anna noch trösten: „Nimm es nicht so schwer, Nadja.“

Ich sah sie an und unterdrückte die Tränen.

„Menschen sind anpassungsfähig. Unser oberstes Prinzip war immer schon das Überleben. Wir sind ein Teil der Natur. Und das bedeutet, man muss manchmal mit den Wölfen heulen.“

Ich machte nur „Hm“, steckte den Schlüssel ins Schloss meiner Wohnungstür und wollte jetzt nicht genauer darüber nachdenken, was sie damit meinte.


Kapitel 9


Fred hatte uns wie versprochen zum Abendessen eingeladen. Sobald ich im Kreis der anderen war, fühlte ich mich fast behaglich. Nichts schien mehr so schlimm zu sein, wie es einem beim alleine vor sich hinbrüten vorkam.
     Fred machte sein übliches Abendessen, Toast Hawaii, in der Mikrowelle. Dazu gab es einen kühlen, fruchtigen Weißwein. Sein Alternativessen war Räucherlachs mit Zwiebeln, Senfsoße und Toast. Zum Nachtisch servierte es meistens Vanilleeis mit Whiskey. Ab und zu drückte er eine Schokoladensoße aus der Tube darüber.
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