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TASCHENBUCH
 
Wild Card - Ein postapokalyptischer Roadtrip
Verfasser: Nina Casement (5)
Verlag: Books on Demand (3302)
VÖ: 24. Oktober 2020
Genre: Dystopie (664)
Seiten: 384 (Taschenbuch-Version), 265 (Kindle-Version)
Themen: Apokalypse (239), Endzeit (95), Gefahr (1262), Meteoriten (24), Postapokalypse (8), Reisen (2169), Road Trip (141)
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LESEPROBE
Das Team von Leserkanone.de bedankt sich bei Nina Casement für die Einsendung dieser Leseprobe! Mehr zu Nina Casement gibt es auf ihrer Autorenseite und bei Facebook.
Bei Amazon ist das Buch an dieser Stelle erhältlich. Bei diesem Link handelt es sich um Werbung, er enthält einen Affiliate-Code.

– 1 –


Heute
„Sag meinen Namen, bitte.“, verlangte sie.
     „Kore.“
     „Danke.“
     Sie war also noch da, existierte noch, es gab sie und sie hatte eine Bezeichnung, einen Namen, den man aussprechen konnte. Manchmal musste sie ihn einfach hören, um ganz sicher zu gehen, obwohl sie mit ebendiesem Namen als Jugendliche so viel gehadert hatte. Die absurde Begeisterung ihrer Eltern für griechische Mythologie hatte ihr damals in der Schule reichlich Spott eingetragen. Damals ... Vielleicht kein so guter Gedanke. Versonnen blickte sie in den Sonnenuntergang, hinweg über die wenigen, zarten Triebe unter den verbrannten Stümpfen, die die Ebene überzogen.
     „Heute ist sozusagen unser einjähriges Jubiläum, nicht, Chloe?“
     „Na klar ...“
     Sie meinte, fast so etwas wie Sarkasmus herauszuhören, und blieb eine Weile stumm.
     „Wir sollten besser reingehen.“, unterbrach Kore schließlich die Stille.
     Auf dem blanken Betonboden der überdachten Tankstelle ließ sich zum Glück recht leicht Feuer entfachen - Kore brachte mittlerweile mit beinahe allen Materialien, von getrocknetem Kot bis Plastikabfall, ein paar ordentliche Flammen zustande. Feuerzeuge und Streichhölzer zählten zu ihren wichtigsten Besitztümern. In ihrem Gepäck war ihnen eine eigene, große Tüte vorbehalten, doppelt in Folie eingewickelt, um jede Nässe fernzuhalten.
     Der Ort an sich war jedenfalls gut: Der Brand hatte den Wald vernichtet, aber nicht auf das Gebäude übergegriffen und die kleineren Büsche und Bäume dahinter ebenfalls verschont. Zwar schien jemand die Überreste geplündert zu haben, allerdings nicht sehr gründlich - Kore klaubte nicht nur zwei Tafeln Schokolade und eine Dose Cola unter den umgestürzten Regalen hervor, sondern sogar vier Flaschen Bier und eine große Packung Chips. Danach füllte sie ihre beiden Fünfliter-Kanister aus einem großen Tank für Wischwasser und befand, dass das für den Tag keine schlechte Ausbeute war. Um genau zu sein, war sogar noch so viel Wasser übrig, dass sie sich gründlich waschen konnte. Ein Luxus, den Kore lange nicht jeden Tag genießen durfte. Eine Tafel Schokolade, Cola, Chips und eine langweilige Suppe aus Kräutern und Käfern bildeten ihr Abendessen, dann lehnte sie sich satt und zufrieden zurück. Sollte sie vielleicht? Kore hatte seit Ewigkeiten keinen Alkohol mehr getrunken. Der Himmel über ihr war sternenklar und wunderschön, eines solchen Jubiläums würdig, also beschloss sie, es zu wagen. Und hey, Alkohol hatte Kalorien - Grund genug, oder?
     Vor genau einem Jahr hatte alles begonnen. Nein, eigentlich noch viel früher, aber vor zwölf Monaten hatte sie die Welt neu entdeckt - oder was davon übrig geblieben war. Der erste Blick war Himmel und Hölle gleichzeitig gewesen. So sehr sie sich all die Tage, Wochen und Monate im Dunkeln nach echtem Licht und frischer Luft gesehnt hatte, und so sehr ihr bewusst gewesen war, was geschehen war, hatte sich dieser erste Moment als Schock entpuppt. Ihre ursprüngliche Hoffnung, zunächst eine Weile zuhause bleiben und dann langsam die Umgebung erkunden, sich vielleicht sogar Hilfe suchen zu können, hatte sich als vollkommen blauäugig erwiesen.

Früher
Angefangen hatte es ... nunja, das kam darauf an, für wen. Frühestens jedenfalls vor knapp vier Jahren. Denn damals hatte es die ersten aufgeregten und begeisterten Mitteilungen einiger versierter Hobby-Astronomen gegeben, die rasch von offiziellen Stellen bestätigt wurden: Man hatte ein bislang unbekanntes und ganze 36 Kilometer großes Objekt entdeckt, das offensichtlich nicht aus diesem Sonnensystem stammte. Es hatte sein dunkles Antlitz nur wenige Stunden lang in der Nähe von Eris gezeigt, als es das Sonnenlicht reflektiert hatte. Dann war es wieder im Schatten verschwunden. Der gewaltige Durchmesser, die Herkunft - keine Frage, ein extrem seltenes Exemplar und eindeutig eine Sensation. Woraus der Brocken bestand, war noch unklar, doch der bislang errechneten Route nach würde er das Sonnensystem durchqueren, sodass noch ausreichend Chancen bestanden, dies herauszufinden.
     Die IAU benannte ihn mit einer langweiligen Ziffern- und Zahlen-Folge, doch medial bürgerte sich rasch der Taufname der kleinen astronomischen Fangruppe ein: Krishna. Man war sich einig, dass ein solcher Riese auch einen göttlichen Namen verdient hatte. Nach einigen wahlweise wissenschaftlichen oder reißerischen Artikeln folgte die Presse jedoch dem Beispiel des neuen Himmelskörpers und es wurde wieder still um das Thema. Erst fast ein Jahr später tauchte Krishna wieder aus der ewigen Finsternis des Alls auf und zeigte sich in seiner ganzen Pracht, als er sich der Sonne näherte. Eisenoxid, war die fast einhellige Meinung zu seiner Beschaffenheit. Nun wurden die ersten ernst zu nehmenden Meinungen laut, die nervös verkündeten, dass Krishna wirklich verdammt nah an der Erde vorbeischrammen würde. Zum ersten Mal war in Fachkreisen von „Risiko“ die Rede, dann sogar von „Gefahr“. Plötzlich kam der „Was wäre wenn“-Gedanke auf - was wäre, wenn Krishna mit der Erde kollidieren würde? Rein theoretisch natürlich.
     Doch derartige Überlegungen wurden, kaum entstanden, von Regierungen und offiziellen Institutionen abgewiegelt: Danach sah es allseitiger Ansicht nach nicht aus, auch wenn er wohl tatsächlich sehr nahe kommen würde. In einigen Kreisen machte sich Besorgnis breit, in anderen Begeisterung, dem Gros jedoch war es völlig gleichgültig. Es gab nun wirklich genug echte Probleme, um die sich jeder Einzelne weiterhin zu kümmern hatte - Versicherungen, Liebeskummer, die letzten Posts auf doublethink. Oder, je nachdem woher man kam, auch einfach nur das Bedürfnis, mit vollem Magen und ohne Einschusslöcher zu Bett zu gehen. In Kores Fall, die vermaledeite Prüfung in Botanik zu schaffen. Trotzdem, nach und nach mehrten sich, zumindest unter Wissenschaftlern, die leisen Stimmen, die besagten, Krishna könne, natürlich nur ganz, ganz vielleicht, doch noch zum Problem werden. Sehr unwahrscheinlich selbstverständlich. Sie verhallten ungehört, schon weil die Weltbevölkerung mittlerweile so gewöhnt an Schreckensnachrichten war, dass sich eine Übersättigung eingestellt hatte. Drei Jahrzehnte Klimawandel hatten ihre Spuren hinterlassen, ohnehin jagte eine Katastrophe die nächste.
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