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Ingas Spiel
Verfasser: Janina Hoffmann (8)
Verlag: Eigenverlag (25383)
VÖ: 28. Juni 2019
Genre: Horror (1786) und Mystery-Roman (402)
Seiten: 186
Themen: Anwälte (983), Hamburg (884), Intrigen (1511), Kanzlei (66), Schwestern (1550)
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Ehrgeizig, erfolgreich, egozentrisch: Die Anwältin Dr. Britta Klein räumt Gegner rücksichtslos aus dem Weg. Für ihre jüngste Intrige scheut sie nicht einmal davor zurück, ihre ahnungslose Schwester Inga auszunutzen. Das Spiel beginnt, und alles verläuft nach Plan ... Sicher, Britta?

Die Fortsetzung von „Ingas Verbrechen“.
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LESEPROBE
Das Team von Leserkanone.de bedankt sich bei Janina Hoffmann für die Einsendung dieser Leseprobe!
Bei Amazon ist das Buch an dieser Stelle erhältlich. Bei diesem Link handelt es sich um Werbung, er enthält einen Affiliate-Code.

     Am darauffolgenden Tag brannte ich darauf, seine Reaktion zu erfahren. Leider lag Karl Kuckucks Büro ein Stockwerk über meinem. So gern hätte ich sein Gesicht beim Öffnen des Umschlags gesehen. Am Nachmittag hielt ich es nicht mehr aus und rief unter einem Vorwand seine Sekretärin an. Herr Dr. Kuckuck sei wegen Unwohlsein nach Hause gefahren, teilte sie mir mit. Das war ja schon einmal etwas.
     Ich hatte vorgehabt, den so unauffälligen Karl Kuckuck aus der Kanzlei zu vertreiben. Das ist richtig. Dass er sich gleich umbringen würde, konnte ich nicht ahnen. Erst Tage später wurde er erhängt in einem Wald gefunden. In der Kanzlei brodelte die Gerüchteküche. Niemand konnte sich erklären, weshalb der immer so ausgeglichen wirkende Partner freiwillig aus dem Leben geschieden war. Ich beteiligte mich nicht an dem Klatsch, sondern begnügte mich damit, einen noch ernsteren Gesichtsausdruck als gewöhnlich aufzusetzen. Gut, ich hatte Karl Kuckucks Tod nicht gewollt, aber letztendlich stimmte das Ergebnis und ersparte mir auch noch eine mühsame und riskante Erpressung. Einen Monat wurde aus Anstand gewartet, bis ich von den Partnern einstimmig als Karl Kuckucks Nachfolgerin bestimmt wurde.

Wenn ich jetzt, im Jahr 2000, aus meinem geräumigen Büro im dritten Stock auf die Alster sehe, weiß ich, dass ich es geschafft habe. Die Bürofassade ist komplett aus Glas, das Gebäude noch ganz neu. Erst im vergangenen Jahr ist die Kanzlei aus dem alteingesessenen Backsteingebäude in diesen Prestigebau gezogen. Mein Eckbüro mit zwei Glasfassaden ist größer als das Wohnzimmer in dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Mein weißer, riesiger Schreibtisch hat weitaus mehr gekostet, als meine Eltern mit ihrer Gärtnerei im Monat verdienen. Auf meinem weißen Lederarmstuhl sitzt es sich sehr bequem, obwohl sitzen eigentlich das falsche Wort ist. Vielmehr throne ich an meinem Schreibtisch. Alle zwölf Partner haben komfortable Eckbüros. Die Büros der angestellten Anwälte sind natürlich kleiner. Für die Sekretariate blieb an den Fensterfronten kein Platz mehr. Sie sind im fensterlosen Innenbereich, getrennt durch niedrige mobile Wände, untergebracht. Schon mehrfach gab es deswegen seitens der Sekretärinnen Klagen, denn im alten Backsteingebäude hatte jede ihr eigenes Büro mit Fenster. Was für eine Verschwendung. Ich sage nur: Augen auf bei der Berufswahl. Bürofläche in Hamburgs bevorzugter Lage ist teuer, und durch diese simple Umstrukturierung hat die Kanzlei jede Menge Geld eingespart.
     Die Jahre bei Hamilton & Lace sind wie im Flug vergangen, und ich bin vermutlich schneller gealtert als in irgendeinem anderen Job. Inzwischen bin ich zweiundvierzig, und leider sieht man mir jedes Jahr an. Da kann das Facelifting, dem ich mich vor einem Jahr unterzogen habe, auch nicht mehr viel retten. Zwar habe ich jetzt ein paar Falten weniger, doch ich fürchte, die werden schneller wiederkommen, als mir lieb ist. Auch vermag die Faltenentfernung nicht, mir meine harten Gesichtszüge zu nehmen. Meine schmalen Lippen wirken zu verkniffen, mein Unterkiefer ist zu breit und kantig für eine Frau, und der Blick meiner grauen Augen ist ohne jedes Gefühl, obwohl ich mich sehr bemühe, meinen Mitmenschen etwas anderes weiszumachen. Durch mein dichtes, kurzes naturblondes Haar würden sich bereits die ersten weißen Strähnen ziehen, wenn ich es nicht konsequent färben würde.
     Vermutlich sind es nicht nur die durchgearbeiteten Nächte und der stets hohe Stresslevel, die mich altern ließen, sondern die verdammten Tabletten, deren tägliche Einnahme für mich schon längst zur Gewohnheit geworden ist. Morgens, nach einer viel zu kurzen Nacht, nehme ich etwas, um wach zu werden. Oft fangen irgendwann im Laufe des Tages meine Hände an zu zittern. Wahrscheinlich esse ich nicht genug, vielleicht ist es auch der Stress. Dann hilft ein Mittel zur Beruhigung. Abends bin ich meistens noch so aufgedreht von den Ereignissen im Büro, dass ich ohne Tabletten nicht einschlafen kann. Gewöhnlich trinke ich dann, bevor ich ins Bett gehe, auch noch Rotwein dazu. Und ich bin Raucherin. Mein Zigarettenkonsum hat in den letzten Jahren kontinuierlich zugenommen. In der Kanzlei herrscht ein striktes Rauchverbot, doch darüber setze ich mich, seit ich Partnerin bin, ungerührt hinweg. Herrn Hummel, den Büroleiter, treibe ich damit regelmäßig zur Verzweiflung.

Es ist Mittagszeit, doch ich habe wie so oft keinen Hunger. Stattdessen rauche ich meine ich-weiß-nicht-wievielte Zigarette seit heute Morgen und sehe mir den Entwurf eines Unternehmenskaufvertrages an, den Sandra Kind, meine übergewichtige Sekretärin, nach Banddiktat für mich geschrieben und mir in einer Mappe vorgelegt hat. Schon nach flüchtigem Hinsehen entdecke ich auf der ersten Seite drei Tippfehler. Ein Wort hat sie ganz vergessen. Sandra Kind hat den Verstand eines Maikäfers, doch sie ist mir treu ergeben, und manchmal ist es ganz gut, dass sie nicht so weit denken kann. Mein Blick schweift zu meinem Tischkalender. Was habe ich da für morgen eingetragen? Manchmal kann ich meine eigene Schrift nicht entziffern. SK 30, soll das wohl heißen. Sandra Kind wird morgen dreißig Jahre alt. Ich hatte anscheinend einen guten Tag, als ich das notiert habe. Ehrlich gesagt, kann ich mich nicht daran erinnern. Ich werde Sandra Kind also wohl oder übel noch heute ein Geschenk besorgen müssen. Ein teures Geschenk natürlich. Nicht, weil mir Sandra Kind so viel bedeutet – im Gegenteil: sie ist für mich nur ein kleines, austauschbares Rad im Getriebe -, sondern weil es Eindruck macht und mich gut dastehen lässt. Das ist das Wichtigste. Ich muss für die Übergabe selbstverständlich einen Moment abwarten, in dem möglichst viele von Sandra Kinds Kolleginnen um sie geschart sind, dann wird sich meine Großzügigkeit schnell in der Kanzlei herumsprechen. Irgendein Armband für hundert Mark wird es wohl tun. Für mich ist das ein lächerlicher Betrag, doch für meine Sekretärin ist es viel Geld.
     Ich beginne nun, jeden Tippfehler in dem Text rot anzustreichen, und finde immer mehr. Meine Formulierungen gefallen mir zum Teil auch nicht. Es war schon spät, als ich den Vertrag gestern diktiert habe. Daher habe ich jetzt umso mehr handschriftliche Korrekturen. Der Text ist von Rot durchzogen, als ich ihn zu Ende durchgesehen habe. Eigentlich müsste ich jetzt an dem Entwurf weiterarbeiten, denn morgen soll er an die Gegenseite versandt werden, und es gibt noch einiges daran zu verbessern. Doch ich beschließe, die Mappe aufzubewahren und Sandra Kind den missratenen Text morgen als besonderes Geschenk gemeinsam mit dem Armband zu überreichen. Ich werde sie enorm unter Zeitdruck setzen. Der Gedanke gefällt mir.
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