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Das Gemälde der Tänzerin
Verfasser: Christine Jaeggi (4)
Verlag: Forever (203)
VÖ: 6. Mai 2019
Genre: Frauenliteratur (1109)
Seiten: 350
Themen: Ballerina (14), Gemälde (163), Hotel (545), Mord (4639), Tänzer (92), Zimmermädchen (16)
Werbung: Offizielle Buchvorstellung anzeigen
Voting: Dieses Buch für die Abstimmung zum Buch des Monats Mai 2019 nominieren
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LESEPROBE
Das Team von Leserkanone.de bedankt sich bei Christine Jaeggi für die Einsendung dieser Leseprobe! Mehr zu Christine Jaeggi gibt es auf ihrer Autorenseite, bei Twitter und bei Facebook.
Bei Amazon ist das Buch an dieser Stelle erhältlich. Bei diesem Link handelt es sich um Werbung, er enthält einen Affiliate-Code.

Erster Akt

Die Tänzerin im Regen
Strasbourg 1865


Beinahe schwerelos wie ein Schmetterling tanzte sie über das Feld und ignorierte die herunterprasselnden Regentropfen. Ihr langes Haar und das weiße Kleid waren längst durchnässt, aber es kümmerte sie nicht. Mit ihren elegant in der Luft schwingenden Gliedern fing sie die Tropfen auf, als wären es Perlen, die vom Himmel fielen.
     Amos Löwenfeld verfolgte ihre Bewegungen gebannt und versuchte sich jede Einzelheit einzuprägen. Später würde er seine Tänzerin im Regen malen. Es sollte ein Gemälde für die Ewigkeit werden, welches an diesen glücklichen Tag erinnern und Kraft und Hoffnung in dunklen Zeiten spenden würde. Sie hatten in den vergangenen Monaten viel zusammen durchgestanden und alles verloren, dafür aber die Liebe gewonnen. Doch Amos spürte, dass das Elend noch nicht vorbei war. Rache, aber auch Krieg hingen wie die düsteren Regenwolken über ihnen und warteten nur darauf, sie mit aller Stärke zu vernichten.
     Amos versuchte seine Sorgen zu vergessen und sich gänzlich auf seine große Liebe, sein Modell für das neue Gemälde zu konzentrieren. Rosaline, die Tänzerin im Regen.


Kapitel 1

Luzern, Mittwoch, 20. Juni 2018


Helena unterdrückte den Impuls laut loszulachen, obwohl ihr eigentlich zum Heulen zumute war. Welche Ironie des Schicksals! Da hatte sie endlich Aussicht auf einen Job, und dann das!
     »Die Stelle ist wirklich im Hotel Kronenberg?«, fragte sie, um sich zu vergewissern, dass sie Frau Lutz – ihre Personalberaterin hier im RAV, dem regionalen Arbeitsvermittlungszentrum – richtig verstanden hatte. Diese strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die ihr der brummende Ventilator alle zehn Sekunden erneut in die Stirn wehte. »Genau.«
     »Unglaublich«, murmelte Helena, was Frau Lutz stirnrunzelnd quittierte.
     »Frau Saxer«, begann sie mit warnendem Unterton. »Andere Möglichkeiten haben Sie nicht. Ich weiß, Sie möchten wieder als Verkäuferin arbeiten, doch diese Stellen sind momentan rar. Seit die Modekette Jewel so viele Filialen schließen und Mitarbeiter entlassen musste, ist ...« Ruckartig wandte sie sich zum Ventilator. »Dieses Gerät treibt mich noch in den Wahnsinn!« Sie stellte ihn so ein, dass er sich nicht mehr drehte und stattdessen nur in eine Richtung – Helenas Richtung – blies. Vorsichtig rückte Helena ihren Stuhl etwas nach rechts, um dem Wind zu entgehen und hörte Frau Lutz aufmerksam zu.
     »Jedenfalls ist die Situation seither höchst prekär. Dazu kommt, dass sich gewisse Geschäfte sogar Verkaufsroboter anschaffen, wodurch unqualifizierte Leute wie Sie ihre Stelle verlieren.«
     Helena schluckte. Selbst für sie klang es nach wie vor absurd, entsprach aber leider der Wahrheit. Ihre ehemalige Chefin war eine Trendsetterin und wollte auch technologisch einen Schritt weiter sein als andere Kleidergeschäfte. Deshalb hatte sie sich einen Verkaufsroboter angeschafft – ein blödes Ding aus weißem Kunststoff.
     Helena konzentrierte sich wieder auf Frau Lutz, die ihr gerade einen Vortrag hielt.
     »Unser Ziel ist Ihre rasche Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt. Deshalb unterstützen wir Sie ja auch in jeder Form. Aber im Gegenzug verlangen wir, dass Sie Ihren Pflichten nachkommen. Dazu gehört auch, nicht wählerisch zu sein und sich für jede zumutbare Stelle zu bewerben! Auch als Zimmermädchen!«
     Helena nickte schnell. »Ja, ich weiß. Ich habe wirklich kein Problem damit, Zimmer zu putzen. Nur nicht im Hotel Kronenberg.«
     Frau Lutz rückte ihre Brille zurecht. »Was haben Sie gegen das Kronenberg? Es ist ein Fünf-Sterne-Nobelhotel.«
     Helena starrte auf eine Reihe schief stehender Ordner auf dem Schreibtisch, die jederzeit umfallen konnten. Die Inhaber des Kronenbergs haben vor vielen Jahren mein Leben zerstört, hätte sie am liebsten gesagt, murmelte stattdessen aber ein bedeutungsloses »eigentlich nichts«, was Frau Lutz aufseufzen ließ.
     »Frau Saxer, Sie sind jetzt schon fast drei Monate auf Arbeitssuche. Obwohl, wenn ich es mir recht überlege, sind es bereits fünf, wenn wir die zwei Monate dazuzählen, die Sie noch bei Graziella angestellt waren. Außer einer nicht abgeschlossenen Tanzausbildung können Sie nichts vorweisen. Aber ohne Ausbildung und Qualifikationen sind Sie schwer vermittelbar auf dem Arbeitsmarkt. Deshalb müssen Sie sich für diesen Job bewerben, sonst kürzen wir Ihnen das Taggeld. Abgesehen davon ist noch nicht klar, ob Sie die Stelle überhaupt erhalten.« Sie schob Helena das Stelleninserat zu. »Falls ja, könnten Sie sofort beginnen. Ein Glücksfall!«
     »Ja, ein Glücksfall«, sagte Helena wenig motiviert und faltete das Inserat zusammen. »Ich werde mich bewerben.« Sie würde dadurch zwar ihr Versprechen nicht einhalten, das sie den Kronenbergs vor langer Zeit gegeben hatte, aber darauf konnte sie jetzt keine Rücksicht nehmen. Im Moment ging es nur darum, wieder Geld zu verdienen.

Schwitzend radelte Helena eine Stunde später über die Langensandbrücke. Ein Zug ratterte darunter durch, Autos fuhren an ihr vorbei, und die Sonne brannte in voller Stärke auf ihren Kopf. Doch sie nahm das Treiben um sie herum kaum wahr, ihre Gedanken drehten sich gänzlich um die Stelle im Kronenberg. Sie hatte ihre elektronische Bewerbung vorhin im Informationszentrum des Arbeitshilfswerks abgeschickt und blickte dem Ganzen mit gemischten Gefühlen entgegen. Einerseits hoffte sie den Job zu bekommen, andererseits hatte sie Angst vor den Kronenbergs. Wenigstens erkannte man sie aufgrund ihres Namens nicht mehr, sie war inzwischen Helena Saxer, nicht mehr Lena Arnold. Sie hatte immer gewusst, dass es eines Tages nützlich sein würde, den Namen ihres Ex-Mannes nach der Scheidung zu behalten. Nichtsdestotrotz, das Risiko einer Begegnung mit den Kronenbergs blieb bestehen, wenn auch ihre kurzen Recherchen zuvor im Internet des Arbeitshilfswerks sie ein wenig beruhigt hatten. Die alte Hexe Irmgard Kronenberg lebte längst nicht mehr, und deren Schwiegertochter Agnes Kronenberg kümmerte sich hauptsächlich um ihre sozialen Projekte. Ihr Sohn Ralph, den Helena am meisten fürchtete, hatte die Leitung des Hotels seinem Sohn übertragen und war nun als Direktor der ganzen Hotelkette Kronenberg Luxury Hotels tätig, deren Hauptsitz in Zürich lag. Gut möglich, dass sie ihm gar nie begegnen würde. Und wenn doch? Wie würde seine Reaktion ausfallen?
     Helena trat in die Pedale und vergaß ihre Sorgen mit dem Fahrtwind. Sie fuhr an ihrer Wohnstraße vorbei Richtung Einkaufscenter im Schönbühlquartier. Obwohl es näher gelegene Lebensmittelgeschäfte gab, nahm sie den Umweg in Kauf, weil der Discounter im Einkaufscenter wesentlich billiger war als die anderen Geschäfte.
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