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Er ging voraus nach Lhasa
Verfasser: Nicholas Mailänder (1) und Otto Kompatscher (1)
Verlag: Tyrolia (12)
VÖ: 11. Februar 2019
Genre: Biografie (1194)
Seiten: 416
Themen: Bergsteigen (51), Himalaya (30), Tibet (28)
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LESEPROBE
Das Team von Leserkanone.de bedankt sich bei Manuela Weiß von der Verlagsanstalt Tyrolia für die Einsendung dieser Leseprobe! Eine optisch ansprechendere PDF-Version dieser Leseprobe findet ihr hier auf der Seite des Verlages.
Bei Amazon ist das Buch an dieser Stelle erhältlich. Bei diesem Link handelt es sich um Werbung, er enthält einen Affiliate-Code.

     Zu den ersten Schülern, die in der neuen Lehranstalt unterrichtet wurden, zählte der damals siebenjährige Ernst Reisch, der älteste Sohn des Bürgermeisters, der am 7. April 1896 die Tochter des Gastwirtes in der Hinterstadt, Maria Tscholl, geheiratet hatte. Ein Klassenfoto aus dem Jahr 1908 zeigt den am 4. März 1899 geborenen Ernst neben seinem besten Freund, dem damals neunjährigen Peter Aufschnaiter10, dessen Vater im Gewerbegebiet unfern des Krautviertels als Tischlermeister eine Werkstatt betrieb. Vater Peter Aufschnaiter stammte aus dem Dorf Aurach und hatte seinen Lebensmittelpunkt aus beruflichen Gründen nach Kitzbühel verlegt. Hier bezog er mit seiner Frau Katharina, geborene Seiwald – der Tochter des Bärenwirts von St. Johann – im zweiten Stock des Ganzerhauses in der Vorderstadt eine enge Wohnung. Durch die in dicke Mauern gesetzten kleinen Fenster drang nur wenig Licht. Hier brachte Frau Katharina Aufschnaiter am 2. November 1899 ihren ersten und einzigen Sohn zur Welt, der am folgenden Tag auf den Namen Petrus getauft wurde.11 Später nahm die Familie noch die verwaiste Maria Stranitzer auf, die vom kleinen Peter innig geliebte Ziehschwester.
     Da die Familie Reisch schräg gegenüber von den Aufschnaiters in derselben Straße wohnte, ist davon auszugehen, dass sich Ernst und Peter bereits als Buben kennengelernt und angefreundet hatten. Die beiden Väter kannten sich von der Kitzbüheler Feuerwehr her, der Reisch eine Zeitlang als Hauptmann vorgestanden hatte.12 Schon früh dürfte der natur- und sportbegeisterte Franz Reisch den bewegungsfreudigen und phantasiebegabten Buben die heimische Bergwelt gezeigt haben, im Sommer wandernd und zur Winterzeit auf seinen geliebten Skiern: Der Skipionier berichtete explizit, dass er „mit kleinen Buben über steile Lehnen bergab fuhr“.13 Ein Zeitzeuge schildert, wie sehr sich Reisch für den skilaufenden Nachwuchs einsetzte: „Wie oft sind wir mit Vater Reisch zur ersten Kitzbüheler Skisprungschanze gewandert, haben gemeinsam mit ihm Schnee geschaufelt, den Hang getreten – wenn kein anderer Zeit und Lust hatte, den eifrigen jungen Springern zu helfen, sicher war Vater Reisch da mit seiner Bubenschar und blieb stundenlang an der Schanze, Schaufel oder Rechen in der Hand, bis der letzte Sprung vollendet war.“
     Franz Reisch dürfte auch dafür gesorgt haben, dass die Buben schon frühzeitig in den Kitzbüheler Turnverein eintraten, den er vom Beginn seines Aufenthaltes in Kitzbühel an stark gefördert hatte. Diesen Verein hatte der damalige Bürgermeister Josef Pirchl im Jahr 1870 gegründet. Obwohl Franz Reisch und sein Freund Josef Herold, der jahrzehntelang das Amt des Turnwartes innehatte, eigentlich alle Bevölkerungsschichten einbinden wollten, trat der Kitzbüheler Turnverein um 1890 dem Tiroler Turngau bei und zählte von diesem Zeitpunkt an zu den völkischen Vereinen. Die politische Ausrichtung war nicht nur dezidiert antisemitisch, sondern auch stramm großdeutsch.
     So endete 1899 eine gemeinsame Turnfahrt mit dem Kufsteiner Verein nach Kiefersfelden mit einem klaren Bekenntnis zur großdeutschen Einheit: „Noch ein Mal klang stark und mächtig das Bismarck-Lied als Zeichen treuer deutscher Zusammengehörigkeit durch die Hallen des Bahnhofs und mit kräftigem Heil-Ruf und deutschem Handschlag verabschiedete man sich mit der Hoffnung, bald wieder in fröhlicher Gemeinschaft etliche Stunden verbringen zu können.“15 Die im erwähnten Bismarcklied enthaltene politische Positionierung ist unzweideutig:

Nun steige der Begeistrung Flamme
     Helllodernd auf in unserem Sang:
     Dem Manne gilt’s von deutschem Stamme,
     Dem Helden, der den Drachen zwang.
     Der an des Rheines Rebenborden
     Gepflanzt des Reiches mächtgen Baum,
     Dem Mann, durch den zur Wahrheit worden
     Der Väter sehnsuchtsvoller Traum.
     [ ]
     So lasst uns denn den Namen nennen
     Des Meisters, der das Reich gebaut.
     Wem Lieb und Treu im Herzen brennen,
     dem ist’s ein freudenvoller Laut.
     Hinbrause es wie Sturm und Wetter
     Vom Alpenschnee bis an den Belt:
     Heil dir, des Vaterlandes Retter,
     Heil Bismarck, dir, du deutscher Held!

An der Wiener Hofburg wären wohl weder diese Töne noch der flammende Bericht im Kitzbüheler Bezirks-Boten mit übermäßiger Begeisterung aufgenommen worden.
     Im frisch-fromm-fröhlich-freien Jugendturnen, in dem sich Peter Aufschnaiter von klein an auszeichnete – er hatte die Note 1 im Turnunterricht quasi gepachtet – ging es klarerweise hauptsächlich um die Entwicklung von Bewegungsfreude und Gewandtheit, aber die ideologische Begleitmusik dürfte dennoch mehr oder weniger subtil ihre Wirkung getan haben.
     Ihre Schulzeugnisse weisen Peter Aufschnaiter und Ernst Reisch von der ersten Klasse an als Musterschüler aus. Im ersten Schuljahr (1905/06) enthält das Zeugnis von Aufschnaiter sieben Mal die Note 1 und nur einen Zweier. Im folgenden Schuljahr ist auch dieser „Makel“ getilgt.18 Der ab Klasse drei gültige Fächerkanon belegt die Aufgeschlossenheit der für das Curriculum Verantwortlichen für die Erfordernisse dieser durch eine rasante wirtschaftliche Entwicklung in Österreich und Deutschland gekennzeichneten Epoche: Religion, Lesen, Schreiben, Unterrichtssprache (Sprachlehre, Rechtschreiben, Aufsatz), Rechnen in Verbindung mit geometrischer Formenlehre, Naturgeschichte und Naturlehre, Geografie und Geschichte, Zeichnen, Gesang, Turnen und – für die Mädchen – weibliche Handarbeiten.
     Wir können davon ausgehen, dass Ernst Reisch und Peter Aufschnaiter nach Erledigung ihrer Schulaufgaben das ganze Jahr über noch viel Zeit blieb, das Tal der Kitzbüheler Ache sowie die umliegenden Berge zu erkunden. Ihre Jugend dürfte sich in den großen Zügen kaum von jenen Jahren unterschieden haben, die Herbert Rosendorfer in seinem autobiographischen Text Kindheit in Kitzbühel so anschaulich beschrieben hat: „[...] tiefe, stille, schneeverborgene, heimelige Winter, [...] heiße, blaue, über glitzernde Moore und hohe Nadelwälder äthersummende Sommer und [...] unbeschreiblichen, in seinen Farben so erlesenen, von Heuduft durchwehten Herbst, voll flimmernder, flammenfarbener Birken im goldenen Riedgras der hohen Moore habe ich dort gelebt. [...] Obwohl es sicher viel Regen und Sturm gegeben hat, zeigen sich diese Jahre wie eine Kette von goldenen, sonnenüberstrahlten Tagen, ohne Anfang und ohne Ende, ohne Angst und ohne Sorgen: meine Jugend“.
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