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TASCHENBUCH
 
Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen - Die Asylentscheiderin
Verfasser: Maria Braig (11)
Verlag: 3.0 (26)
VÖ: 17. Juni 2017
Genre: Gegenwartsliteratur (3432)
Seiten: 260
Themen: Asyl (24), Flucht (1926), Flüchtlinge (194), Gesellschaft (497)
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Erklärung der Bewertungssysteme
"Bundesweit sucht das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ca. 300 tatkräftige, mutige und entscheidungsfreudige Frauen und Männer der Deutschen Post, um für 6 – 12 Monate als Entscheider alle anhängigen Asylverfahren verantwortungsbewusst zu bearbeiten."

Dieser Aufruf kommt Jule, die sich in einer Lebenskrise befindet und nach Neuorientierung sucht, gerade recht.
Sie glaubt, wenn sie dabei hilft die Flüchtlinge zu unterscheiden in solche die Schutz verdient haben und solche, die nur kommen, um ihrer Armut zu entfliehen, kann sie den wirklich Verfolgten helfen.
Doch je mehr Fluchtgeschichten sie anhört, umso schwerer fällt es ihr, die meist verzweifelten Menschen die zu ihr kommen und deren weiterer Lebensweg von ihrer Entscheidung abhängt, in richtige und falsche Flüchtlinge einzuteilen.

Auf einem Klassentreffen begegnet sie Cochise, die sich für offene Grenzen einsetzt. Die beiden Frauen fühlen sich voneinander angezogen, ihre unterschiedlichen politischen Ansichten führen aber immer wieder zu Konflikten.
Dann begleitet Jule Cochise nach Griechenland, wo diese ein Prozess wegen „Schlepperei“ erwartet …
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LESEPROBE
Das Team von Leserkanone.de bedankt sich bei Maria Braig für die Einsendung dieser Leseprobe! Mehr zu Maria Braig gibt es auf ihrer Autorenseite, bei Twitter und bei Facebook.
Bei Amazon ist das Buch an dieser Stelle erhältlich. Bei diesem Link handelt es sich um Werbung, er enthält einen Affiliate-Code.

Textauszug 1


Seit Tagen hatte ich nicht mehr geschlafen. Sobald ich mich ins Bett legte und die Augen schloss, kamen sie zu mir. Weiße, braune, schwarze Gesichter. Frauen, Männer, Kinder. Alte und Junge. Ein Mann trug sein ertrunkenes Kind auf dem Arm, von dem das Wasser in mein Bett tropfte, eine Frau hielt mir ihr steifes, erfrorenes Baby hin, als ob sie es mir geben wollte. All diese Gestalten, all diese Menschen hatte ich ins Elend, wenn nicht sogar in den Tod geschickt, so schien es mir. Auch wenn sie nur schweigend um mich herumstanden, so glaubte ich doch zu hören:
     „Du hast uns weggeschickt, du hast entschieden, dass wir gehen müssen. Zurück in ein Land, in dem wir nicht leben können. In dem sie uns nicht in Ruhe leben lassen.
     In ein Land in dem wir nicht leben können, weil wir keine Arbeit haben, kein Haus, kein Essen für unsere Kinder. Weil die meisten so arm sind, dass es gerade mal zum Überleben reicht, aber nicht zum Leben. Und für manche noch nicht einmal dazu.
     In ein Land, in dem sie uns nicht in Ruhe leben lassen. Weil wir Roma sind, weil wir lesbisch sind oder schwul oder transsexuell. Weil wir Frauen sind und deshalb ständig in Gefahr und ohne Möglichkeit, jemals unser eigenes, unabhängiges Leben zu leben.
     Du hast entschieden, dass wir gehen müssen, weil es kein besonderes Gesetz in unserem Land gibt, das bestimmt, dass wir verfolgt werden für das, was wir sind. In ein Land, in dem es aber auch niemanden gibt, der unsere Unterdrückung verhindert.“
     Ich drehte mich weg, aber auf der anderen Seite des Bettes standen sie auch. Obwohl da die Wand war, starrten mich auch von dieser Seite die Gesichter an und ich hörte ihre stummen Vorwürfe. Ich zog die Decke über den Kopf, wollte nichts mehr sehen und nichts mehr hören, wollte nur meine Ruhe haben und schlafen. Schlafen ...
     Aber auch in den Schlaf hinein verfolgten sie mich. Ob ich die Augen geöffnet oder geschlossen hatte, immer sah ich sie da stehen, sah ihre Blicke und hörte ihre Klagen gegen mich. Dann dämmerte ich weg und der Traum führte mich vor ein Tribunal. Ich war die Angeklagte, vor mir saßen mehrere Richter in ihren schwarzen Roben und blätterten in meinen Akten. Ich konnte genau sehen, dass dies von mir angelegte Akten waren. Schicksale, über die ich entschieden hatte oder über die ich noch entscheiden musste. Ich drehte mich um, weil ich es hinter mir raunen hörte und sah wieder ihre Gesichter. Weiße, braune, schwarze Gesichter. Alte Gesichter und junge, die schon fast genauso verbraucht und gezeichnet wirkten wie die der Älteren. Ich wollte aufstehen, versuchte verzweifelt von meinem Stuhl hochzukommen und erwachte, als es nicht gelang. Aber im Erwachen war keine Rettung, denn nun standen sie wieder um mein Bett herum und sahen mich an. Sahen mich an mit diesem verlorenen, diesem verzweifelten Blick, den ich in den letzten Monaten immer und immer wieder bei all den Menschen gesehen hatte, die vor mir in meinem Büro saßen, mit schwitzenden Händen, unruhigen Füßen und einem Geruch nach Angst, der mich nach jedem Interview das Fenster aufreißen ließ.


Textauszug 2


Das Büro befand sich im zweiten Stock, das Fenster ging auf einen asphaltierten Hinterhof, in dessen Mitte sich aus einem kleinen, mit Pflastersteinen umrandeten Stück Erde ein großer grüner Baum erhob. Ob Buche, Ahorn oder Apfelbaum wusste ich nicht. Von Biologie habe ich keine Ahnung, aber ich freute mich über die Aussicht ins Grüne. Ich versuchte gerade erfolglos das Fenster zu öffnen, als Karl-Heinz mit zwei Kaffeebechern ins Zimmer kam.
     „Mir ist mal ein Klient aus dem Fenster gesprungen, weil ich ihm auf sein Drängen hin nicht bestätigen wollte, dass meine Entscheidung über sein Aufenthaltsrecht auf jeden Fall positiv ausfallen würde“.
     Ich drehte mich entsetzt zu ihm um, aber Karl-Heinz stellte nur ganz lapidar fest: „Er hat sich ein Bein gebrochen, nicht so schlimm. Die Abschiebung musste halt um ein paar Wochen verschoben werden. Aber das will ich nicht noch mal erleben und deshalb lässt sich das Fenster nur noch kippen. Das genügt, um zu lüften, und wenn es im Sommer sehr heiß wird, lassen wir eben die Tür offen stehen. Klimaanlage gibt es leider nicht in diesem alten Gebäude.“
     Schweigend trank ich meinen Kaffee. Theorie und Praxis, dachte ich, immer noch erschüttert. Aber bei mir würde es das nicht geben. So nett Karl-Heinz mir auf Anhieb erschienen war, so musste er doch irgendetwas falsch gemacht haben. Niemand sprang einfach so aus dem Fenster. Entweder hatte Karl-Heinz einen Fall falsch beurteilt und jemanden abgewiesen, der ausreichende Gründe hatte, hierzubleiben, oder es war ihm nicht gelungen, dem Mann klarzumachen, dass er es zu Hause doch viel besser hätte, wenn er sich entsprechend bemühte. Und um richtig zu beurteilen und unmissverständlich zu erklären, worin diese Bemühungen bestanden, dafür würde ich alles geben. Karl-Heinz musste einen fatalen Fehler begangen haben. Oder hatte der Klient ihm gar keine Zeit mehr gelassen, aufzuzeigen wie es für ihn weitergehen würde, welche Chancen es für ihn in seiner Heimat gab? Auch das wäre möglich. Ein Kurzschluss eben, der konnte immer mal vorkommen, und da war es eine sehr gute Idee von Karl-Heinz, das Fenster entsprechend feststellen zu lassen. Ich beruhigte mich wieder. Das würde ich in meinem eigenen Büro von Beginn an ebenso halten. Kurzschlussreaktionen waren immer möglich, ganz egal, wie gut man sich auf einen Fall vorbereitete. Also musste einfach Vorsorge getroffen werden, dass so etwas, wie es Karl-Heinz geschehen war, nicht mehr vorkam. Im Stillen tat ich ihm Abbitte für meine spontanen Zweifel an seinem Verhalten, die ich zunächst gehabt hatte.
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