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Pat im Wald
Verfasser: Marion Schreiner (16)
Verlag: Eigenverlag (11388)
VÖ: 19. Mai 2017
Genre: Thriller (5090)
Seiten: 336
Themen: Behinderung (102), Brüder (640), Geschwisterliebe (2), Schwestern (809), Wälder (491)
Auch in: Sammelband »Der Culver-Fluch« (Zu Amazon.de führender Werbelink)
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Patricia Culver kommt geistig behindert zur Welt und wird wegen ihres Engelgesichts und ihrer liebevollen Art von allen geliebt. Ihr Vater kümmert sich rührend um sie … zu rührend, wie der um sechs Jahre ältere Bruder Rylan findet. Er erwischt seinen Vater immer häufiger in zweideutigen Situationen mit seiner kleinen Schwester. Bis Rylan beschließt, sie vor ihm zu schützen und in den Wald zu bringen …
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LESEPROBE
Das Team von Leserkanone.de bedankt sich bei Marion Schreiner für die Einsendung dieser Leseprobe! Mehr zu Marion Schreiner gibt es auf ihrer Autorenseite, bei Twitter und bei Facebook.
Bei Amazon ist das Buch an dieser Stelle erhältlich. Bei diesem Link handelt es sich um Werbung, er enthält einen Affiliate-Code.

Das Engelszimmer
Der Engel kam. Es war ein Mädchen, das Mutter im Bauch getragen hatte und das bei uns einzog. „Ein von Gott verdammtes Mädchen“, hast Du es genannt. Das war Deine erste Reaktion. Mutter war entsetzt gewesen. Ich erinnere mich noch ganz genau an ihren Blick. Du warst besoffen und hieltest die Flasche noch in der Hand, als sie nach der Entbindung von Onkel Andrew nach Hause gebracht wurde. Du konntest nicht mehr fahren. Du konntest nur noch „feiern“, wie Du so schön sagtest. Ein neues Wort für saufen. Dabei hattest Du Dir geschworen, es niemals Deinem Vater nachzutun. Und doch hast Du es getan. Es passierte ganz plötzlich. Es war nicht vorhersehbar gewesen, weil wir Deinen Vater nie kennengelernt haben. Du hast ihn mit allen Mitteln von uns ferngehalten, weil Du Dich so sehr für ihn geschämt hast. „Er ist ein Dreckskerl!“, hast Du immer wieder gesagt. „Den braucht ihr nicht kennenlernen.“ „Und Deine Mutter?“, hatte Mutter gefragt. „Tot“, hast Du ihr geantwortet. „Der Dreckskerl hat sie in den Tod getrieben!“
     Mutter hatte nie die Chance zu beurteilen, was wirklich in Deiner Familie vorgefallen war. Du hast nie davon erzählt. Doch je älter ich wurde, desto mehr sah ich diese Geschichte vor mir. Sie wiederholte sich gerade in meinem Leben.
     Natürlich half ich Dir, das restliche Holz in das Zimmer zu bringen. Ich half in der Hoffnung, Deine Stimmung damit etwas aufzuheitern, zumindest bis Mutter heimkehrte. Sie würde wegen der Dreckspuren schon genug Ärger machen. Wir trugen ziemlich viel Holz in das Zimmer und ich fragte: „Was willst du damit?“ Du brummtest mich an, was so viel bedeutete wie, dass ich Dich in Ruhe lassen sollte. Ich kannte Deine andere Sprache mittlerweile, die aus Lauten und Blicken bestand, und fragte nicht weiter nach. Erstaunlicherweise hast Du mich nach der Arbeit in Ruhe gelassen. Das war nicht immer der Fall gewesen. Doch davon will ich jetzt nicht auch noch berichten.
     Ich hörte in der Küche Glas scheppern und wusste, dass wieder eine Flasche leer war und Du die nächste aufmachen würdest. Mutter würde am Abend zwei neue mitbringen und im Geschäft erzählen, dass wir Besuch bekommen hätten. Wir waren ja gastfreundlich! Ich hörte einmal, wie sie das sagte, und erfuhr viele Jahre später von einem Therapeuten, dass man so etwas co-abhängig nennt. Dabei bekamen wir nicht einmal Besuch!
     Du hast das Radio eingeschaltet und ich las oben einen Comic. Ich las von Helden, die mit Gewalt Bösewichter jagten und wünschte, ich könnte das auch. Ich hörte Mutter heimkommen. Wie sollte man ihr Geknatter auch überhören? Ich zählte bis zehn, solange wie sie in der Regel brauchte, um zur Haustür hereinzukommen. Spätestens bei fünfzehn müsste das Geschrei losgehen.

Findest Du nicht, dass Du übertreibst, wenn Du von solchen Lappalien schreibst? Wie viele Momente willst Du mir denn vorwerfen, um Dich besser zu fühlen? Genau, es geht Dir doch nur darum, dass Du Dich besser fühlst. Du bist ziemlich egoistisch. Weißt Du, was ein Egoist ist? Ich will es Dir sagen: Das ist ein Mensch, der immer nur an sich denkt, und der alles so dreht und wendet, dass er nie an etwas schuld ist. Na, erkennst Du Dich wieder?

Mir schnürt es gerade die Luft zum Atmen ab! Und ich frage mich, ob es überhaupt noch Sinn macht, Dir weiterhin zu schreiben. Die Zeit erscheint mir so vergeudet! Du hast Dich in all den Jahren, die Du nun schon in der Anstalt lebst, überhaupt nicht verändert. Deine Sicht auf die Dinge ist noch die gleiche, wie damals vor Gericht, als sie Dich und mich verurteilt haben. Oh, wie sehr hasse ich mich dafür, Dein Sohn zu sein. Es ist keine Scham, es ist Hass. Eigentlich solltest Du im Gefängnis sitzen und ich in einer Anstalt. Ich hätte es nicht tun dürfen!

Endlich kommst Du zur Einsicht, dass auch Du Fehler gemacht hast. Das tut gut zu hören. Und es macht mir den Abschied von dieser Welt etwas leichter. Gestern war mein Arzt hier und er sagte, dass die Leberzirrhose voranschreitet. Morgen kommt ein Spezialist, der mit mir alles Weitere be-spricht, wenn es losgeht. Ich meine, wenn es ernst wird. Mein Körper trägt Wasser. Auch das Herz. Rylan, mir bleibt nicht mehr viel Zeit. Ist es wirklich nötig, noch all diese Geschichten aufzuwärmen? Wie viel Leid willst Du mir noch antun, bevor ich dahinscheide? Ich trinke schon seit einem Jahr nicht mehr. Also lass es endlich gut sein.

Was willst Du von mir hören?

Dass ich Dir ein guter Vater war.

Das warst Du, fünf Jahre lang. Reicht das? Können wir unseren Kontakt jetzt damit beenden?

Du willst mich einfach wegschicken? Willst Du mich vergessen? Das habe ich nicht verdient! Ich habe immer für Dich gesorgt! Ich habe für alle gesorgt. Besonders für Pat. Hast Du das vergessen? Und für Deine Mutter!

Mutter kam abends immer sehr müde nach Hause und musste noch das Essen kochen, während Du schon Stunden mit Deiner Flasche in der Küche gesessen bist und auf ihre Bewirtung gewartet hast. Weißt Du eigentlich, dass sie diese Arbeit zusätzlich zu ihrer anderen machte?
     Früher, als Du noch nicht getrunken hattest, hast Du auch manchmal das Abendbrot gemacht. Erinnerst Du Dich noch daran?

Oh ja! Das sind die Momente, die ich jetzt gerne mit Dir teile! Ja, wir haben es dann eine „Männerrunde“ genannt, weil wir zusammen gekocht haben, während Mutter noch die Wäsche bügelte. Das war eine tolle Zeit!

Bis der Alkohol begann, Dein Abendbrot zu ersetzen. Ich saß viele Abende oben in meinem Zimmer und hatte Hunger, während Ihr Euch unten gestritten habt. Ich hörte Euch herumschreien. Weißt Du, dass mir immer sehr heiß wurde, wenn ich Euch schreien hörte? Und meine Angst war riesig, Ihr könntet Euch etwas antun. Doch genau das geschah eines Abends. Ich hörte eine Flasche scheppern und einen unglaublich lauten Schrei von Mutter. Das ließ mich die Angst vergessen und runter zur Küche eilen. Mutter blutete am Arm und Du hieltest triumphierend einen zerbrochenen Flaschenhals in die Höhe. Ich sah in Dein versoffenes Gesicht und konnte nichts Anderes tun als Dich anspucken. Du kamst auf mich zu und dann ging alles sehr schnell ...

Ich weiß nicht, wovon Du redest, Rylan. Es scheint mir, als würdest Du Dir immerzu neue Geschichten zusammenspinnen, um mich zusätzlich zu verletzen. Es ist unverzeihlich, was Du mir alles unterstellst. Ich wusste von Anfang an, dass Du ein böses Geschöpf bist, doch ich dachte, wenn ich Dich anständig erziehe, werde ich Dir das Böse schon austreiben. Es ist mir nicht gelungen, wie ich feststelle. Nun schiebst Du mir das Böse zu. Ich kann mir das nicht mehr von Dir anhören, Sohn! Ich werde Dir nicht mehr schreiben.

*


Liebes Tagebuch!
     Im Engelszimmer lebt nun ein kleines Mädchen. Patricia. Sie ist behindert, aber man sieht es ihr nicht an. Es ist ihr Geist, der eine gewisse Naivität versprüht und die Ärzte dazu bewog, bei ihr eine geistige Behinderung zu diagnostizieren. „Sie wird alles etwas später lernen“, haben die Ärzte gesagt.
     Ich habe sie vom ersten Tag an geliebt! Wir alle hatten sie lieb. Sie war das Ergebnis jenen abends, als wir uns fast umgebracht hatten. Meine Mutter hatte eine Sturzgeburt. Mein Gesicht wurde mithilfe von drei Operationen wiederhergestellt. Nun habe ich eine große Narbe von der Lippe bis zur Stirn. Anfangs sah ich wie Frankenstein aus, doch nach jeder Operation wurde es besser. Nun sieht man nur noch eine hauchdünne rosa Linie. Allerdings entsteht dadurch gerade ein anderes Problem. Der Arzt erklärte es so: „Da der Kopf von Rylan noch wächst, wird sich die Gesichtshaut noch um einiges dehnen. Daher könnte es sein, dass sich das Gesicht etwas asymmetrisch verändert. Keine große Sache. Wer es nicht weiß, wird es nicht bemerken. Man kann es von Zeit zu Zeit operativ richten, aber das wird die Krankenversicherung nicht übernehmen, weil es eine kosmetische Sache ist.“
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