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Der Regisseur
Verfasser: Olivia Kleinknecht (5)
Verlag: Eigenverlag (14403), epubli (997) und Ludwig (17)
VÖ: 13. September 2002
Genre: Gegenwartsliteratur (2719)
Seiten: 435 (Taschenbuch-Version), 438 (Taschenbuch-Version Nr. 2), 420 (Kindle-Version)
Thema: Regisseur (52)
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LESEPROBE
Das Team von Leserkanone.de bedankt sich bei Olivia Kleinknecht für die Einsendung dieser Leseprobe! Mehr zu Olivia Kleinknecht gibt es bei Facebook.
Bei Amazon ist das Buch an dieser Stelle erhältlich. Bei diesem Link handelt es sich um Werbung, er enthält einen Affiliate-Code.

      *

Marias Alter war schwer einzuschätzen; möglich, dass sie fünfzig war, vielleicht aber auch viel jünger und nur verbraucht. Vittorio Angelotti bezahlte sie überdurchschnittlich gut, sie durfte sich ihre Arbeit selbst einteilen, er ließ ihr freie Hand. Seit zwei Jahren brachte sie regelmäßig ihren jüngsten, inzwischen vierzehnjährigen Sohn Marco mit. Sie war Vittorio Angelotti dankbar, dass ihr Sohn Stunden in einer Umgebung verbringen durfte, wie er sie sonst allenfalls in Filmen kennenlernen konnte. Dass Vittorio Angelotti sich mit dem Jungen manchmal stundenlang in der Bibliothek einschloss, störte Maria nicht. Ihr Junge trug Vittorio Angelotti dort Gedichte vor; durch die Tür konnte sie es hören. Während sie sich über das schmutzige Geschirr beugte und die noch halb vollen Weingläser in den Abguss leerte, um sie anschließend in die Spülmaschine zu stellen, hörte sie Angelotti in die Küche kommen. Bevor sie sich umdrehen konnte, hatte er mit beiden Händen ihre Hüften gepackt. Sie erstarrte; ihre Muskeln wurden steif, spannten sich wie bei einer Raubkatze vor dem Sprung. Sie konnte es kaum fassen, dass er sie in ihrem Alter noch begehrte, sie mit ihrem Allerweltsgesicht, ihrer schon matronenhaften Figur, sie, die kein Mann mehr beachtete, weil so seine Mutter aussah. Während sie alles um sich her vergaß und im Glück völliger Anonymität aufging, öffnete er ihren Rock und nahm sie von hinten.

*


Die Blonde tastete vorsichtig nach dem Direktor und warf gleichzeitig einen prüfenden Blick auf das nach reifen Orangen duftende Präservativ. Der Direktor rutschte über ihrem Körper zur Seite, so konnte sie ihn besser anfassen. Es war soweit. Mit zwei Fingern rollte sie das feuchte Plastik ab und half ihm, ebenfalls mit zwei Fingern, einzudringen. Er drehte den Kopf zur Wand, so musste sie nicht in sein Gesicht sehen. Sein Körper bewegte sich in langsamen Stößen. Sie spähte verstohlen auf die goldene Uhr an ihrem Handgelenk. Beanspruchte er nur eine Minute mehr als genau eine Stunde ihrer teuren Zeit, stellte sie ihm eine weitere Stunde in Rechnung. Am hechelnden Keuchen bemerkte sie seinen Höhepunkt. Noch bevor sich sein Atem normalisierte, umfasste sie den untern Rand des Präservativs, mit zwei Fingern, und drehte sich unter ihm weg. Sein Körper glitt zur Seite wie ein welkes Blatt.
     Als er ging, stellte sie sich vor, wie er aus dem Haus auf die Straße trat. Er fühlte sich, sie kannte sich da aus, erniedrigt. Doch für nichts in der Welt würde er sich die Begegnung mit der Schönheit der Jugend nehmen lassen - so kurz vor dem Tod.

*


Die Sonne auf dem Bett, in Seitenlage eisgekühlte Melonenwürfel lutschend, spann Mia in ihrer vorwiegend weiß eingerichteten Dreizimmerwohnung in der ländlich wirkenden Via Margutta ihre Überlegungen vom Vorabend weiter. Sicherlich nützte sich die Fähigkeit zu intensivem Erleben mit zunehmenden Erfahrungen ab. Es gab nicht mehr viel Neues, das einen noch mitreißen konnte. Merkwürdigerweise brachten ihr aber schon lange auch ganz neue Erfahrungen nicht mehr den Erlebniskitzel, berührten sie nicht mehr so unmittelbar wie sie Neues in ihrer Kindheit berührt hatte. Schuld am Verlust der Intensität war also eher das, was sich zwischen sie und die Erlebnisse geschoben hatte - Mia schluckte - und sie in die Rolle einer Beobachterin am Rand des Geschehens drängte. Sie hielt überrascht einen Moment inne. War sie da eben nicht durch eine neue Umschreibung des Phänomens der Sache näher gekommen? Die Beobachterin, das war es: Sie erlebte nichts mehr direkt und unmittelbar, weil jedes Erlebnis durch den Beobachtungsvorgang in die Ferne rückte. Dieser Vorgang hatte sich dazwischen geschoben. Das war in ihrer Kindheit anders gewesen. Sie sah, fühlte et cetera, aber beobachtete nicht. Wobei Beobachten für sie nicht abzustellende Gedanken, ständige Reflexionsprozesse bedeuteten, die neben einer eher primären Erfahrung der Welt herliefen. Die bildeten die Hemmschwelle. Neue Umschreibungen des Problems zur Lösung des Problems waren ein toller Trick. Sie konnte es weiter versuchen: Beobachtung, Reflexion, Distanz hieß ja auch Bewusstsein dessen, was um sie geschah, Bewusstsein der Dinge. Und wenn sie nun den Zusammenhang zu ihrem ständigen Erröten herstellen wollte, so musste sie sich fragen, ob es am Ende etwa das Bewusstsein von den Dinge war, das sie beschämte? Konnte man sich dessen schämen? Sie seufzte leise.

*


Maria brachte hastig ihre Kleider in Ordnung und bereitete, sorgsam den Blick Angelottis meidend, das Frühstück zu. Angelotti setzte sich an den Küchentisch aus schwarzem Kunstmarmor und sah teilnahmslos vor sich hin. Als Maria ihm den Kaffee servierte, nahm er keine Notiz von ihr. Mit bedächtig kreisenden Bewegungen säuberte sie die beiden Spülbecken, nachdem sie geräuschlos die Spülmaschine eingeräumt hatte. Sie strahlte.

*


Bruno hatte nach dem Frühstück die Wohnung verlassen, um sich vor der Abreise noch die Beine zu vertreten, und, wie Giulia vermutete, im letzten Moment bei nur ja nichts helfen zu müssen. Obwohl das Taxi zum Flughafen schon in vier Stunden unten stand, war Giulia indessen wieder ins Bett gegangen. Sie dehnte träge ihre Glieder. Bevor sie mit Bruno in eine gemeinsame Wohnung gezogen war, kreisten ihre erotischen Träume oft um einen Mann, der sie in einem abgelegenen Haus einsperrte, um sie ganz zu besitzen. Sich völlig in der Gewalt des Mannes zu sehen, hatte sie immer von neuem in Hitze gebracht. In letzter Zeit träumte sie den Traum abgewandelt. Die Vorstellung, von einem Mann beherrscht zu werden, dem sie, ihrer jeweiligen Laune folgend, immer neue Gesichter gab - meistens aber das eines bestimmten Filmschauspielers-, behielt zwar ihren Reiz, doch nur unter der Bedingung, dass sie der Situation in ihrer Fantasie ein Ende setzen konnte. Durch eine abenteuerliche Flucht oder, und da handelte es sich um die in ihren Augen besonders romantische Variante, indem sie den geliebten Gewalttäter umbrachte. Gewalt war in ihren Träumereien ein wichtiges Element geblieben. Sie musste aber im geeigneten Moment ein Ende finden. Oder es durfte eine mit viel Gespür kalkulierte, nur spielerische Gewalt sein. Bruno beherrschte so einen Umgang mit Gewalt nicht. Auch deshalb musste sie sich von ihm befreien... Die Überlegungen verursachten ihr auf einmal Überdruss. Deshalb wollte sie sich jetzt zügellos ihrer Morgenmüdigkeit hingeben. Eine Chance, für kurze Zeit noch einmal einzuschlafen, hatte sie allerdings bloß, wenn es ihr gelang, sich in einen Zustand höherer Zufriedenheit zu versetzen, indem sie den hundert Toden, die sie Bruno in ihrer Fantasie hatte sterben lassen, einen weiteren hinzufügte.

*


Warum sollte nun das Bewusstsein der Dinge Peinlichkeit erzeugen, sie zum Erröten bringen, fragte sich Mia und biss so abrupt die Zähne zusammen, dass der Melonensaft aus ihrem Mund auf die Bettdecke spritzte. Ging man einmal davon aus, dass das Bewusstsein von etwas kein einfaches Erfassen einer Sache war, sondern immer auch, bei jeder Beobachtung, die eigene Person einbezog, und zwar, mangels exakter Kenntnis, als Konstrukt, dann konnte gerade dieses Konstrukt der eigenen Person für das Empfinden von Peinlichkeit verantwortlich sein. Das Konstrukt der eigenen Person entstand nach Mias Meinung folgendermaßen: Man sah sich selbst so, wie man dachte, dass die andern einen sahen. Sie konnte und musste sich also in den Augen anderer als ungemein blöde Person vorkommen, wenn sie unter derart peinigenden Anfällen von Scham litt. War es nun möglich, dieses Konstrukt der eigenen Person zu verändern? Oder lag das Geheimnis gar darin, es ganz zu unterdrücken? Letzteres war klar die stärkere Lösung. Veränderte man nur das Konstrukt, änderte sich nichts Wesentliches am distanzierten Beobachtungsvorgang. Wurde man es los, löste sich auch Distanz auf, wurde das Verhältnis zu den Dingen und das Erleben wieder unmittelbarer. Es schob sich weniger zwischen die Person und die Erfahrung, man musste die Welt nicht mehr aus der Ferne einer Person erfahren, die man von sich abgelöst hatte, die weit außerhalb von einem stand. Es ging also darum, die eigene Person, und das hieß schlicht: sich selbst, zu vergessen, um einerseits dem sie ständig begleitenden Empfinden von Peinlichkeit zu entrinnen, und andererseits gleichzeitig in den innersten Kern der Ereignisse vorzudringen. So schien es ihr zumindest.

*


Angelotti erhob sich vom Küchentisch. Ohne Maria eines Blicks zu würdigen, ging er zurück ins Schlafzimmer, um sich anzukleiden. In einer Stunde käme Mia. Diesmal zu einem Arbeitstreffen. Er würde ihr seine ersten Ideen zum neuen Film präsentieren. Im Laufe des Gesprächs ergäben sich dann weitere Einfälle und auch schon einzelne Szenen, auf die er nicht verzichten wollte - sie konnte später die ihm wesentlichen Bestandteile in ein entsprechendes Handlungsgerüst einfügen. Der Mord an ihm selbst sollte als Finale groß in Szene gesetzt werden. Er musste aber gleichzeitig beiläufig erscheinen. Das heißt, der Mord sollte sich nicht konsequent aus der Handlung ergeben, sondern ein abruptes, willkürliches Ende sein, das seine Dramatik und Brillanz allein aus der Inszenierung bezog.

*


„Es geht also darum, sich selbst zu vergessen", sagte Mia zähneklappernd unter der lauwarmen Dusche. Je länger sie lauwarm duschte, desto weniger schwitzte sie später. Sie hasste Schweißgeruch, erst recht mit Deodorant oder Parfüm überdeckten. Und sie empfände alptraumhafte Scham, wenn Vittorio Angelotti an ihr irgendeinen aufdringlichen Geruch entdecken sollte... Während sie ein enges, schwarzes Leinenkostüm mit knielangem Rock anlegte, murmelte sie vor sich hin: „Wann habe ich mich selbst vergessen?“ In ihrer Kindheit musste der Zustand der Selbstvergessenheit natürlich gewesen sein. Nachher war sie, wenn sie sich so genau wie möglich Rechenschaft ablegte, in diese privilegierte Lage nur noch unter kritischen Bedingungen geraten: Sie hatte sich selbst vergessen, wenn sie glücklich oder intensiv mit irgendetwas beschäftigt war. Bei jeder noch so geringen Unterforderung ihrer Aufmerksamkeit trat an die Stelle der Selbstvergessenheit wieder die störende Selbstreflexion. Auch große Müdigkeit hatte manchmal den Gegensatz zwischen ihr und der Welt für eine Weile aufgehoben.

*


Am verlockendsten war für Giulia die Vorstellung, den Mord in einem Moment zu begehen, in dem Bruno wehrlos war; zum Beispiel, während er neben ihr schlief. Sie konnte ihm mit einem Fleischermesser die Kehle durchtrennen, ehe er etwas merkte. Ein präziser Schnitt, und das Blut spritzte über die Leintücher. Vielleicht war noch ein Gurgeln zu hören. Dann träte die erlösende Stille ein, jeder Laut unterbliebe ringsum, ja, so würde es sein, himmlische Ruhe, minutenlang oder länger - bis sie die banalen Geräusche der Straße wieder vernahm.

*


Angelotti war noch nicht fertig angekleidet, als es läutete. Maria führte jemanden in den zweihundert Quadratmeter großen, mit Antiquitäten, Teppichen und Gemälden überfüllten Salon. Aus einer Laune heraus zog er sich wieder aus. In einem karmesinroten, die Brust in einem tiefen V-Ausschnitt entblößenden Morgenmantel begrüßte er Mia. Er bemerkte sofort, dass sie sich schlicht gekleidet hatte, um nicht den Eindruck zu erwecken, sie wolle ihm gefallen. Mit dem Zeigefinger wies er auf einen mit weißer Rohseide bespannten toskanischen Stuhl mit unbequemer steifer Rückenlehne. Er selbst nahm an seinem Marmorintarsienschreibtisch Platz und lehnte sich mit übergeschlagenen Beinen in den weichen cognacfarbenen Ledersessel zurück. Als er ihr erklärte, er wolle am Ende des Films am liebsten von Messerstichen durchbohrt, aus unzähligen Wunden blutend, mit entstelltem Gesicht vor der Kamera liegen, wurde sie rot.

*


Bis der Nächste kam, hatte die Blonde eine längere Pause. Sie beschloss, im Café Marzocco unten ein zweites Frühstück einzunehmen. Dem Barmann war anzusehen, dass er sich über ihren Besuch freute. Er rückte für sie einen grünen Plastiktisch zurecht und bediente sie wie eine Königin. Sie wechselte mit ihm nie ein Wort. Während sie in einen warmen, mit Pudding gefüllten Bombollone biss, schielte sie auf die Passanten auf dem Gehsteig. Viele waren mit einer Hässlichkeit geschlagen, die, davon war sie überzeugt, nur die Strafe für irgendeine Schuld sein konnte. Sie sah weg, in die den Raum vergrößernden Spiegel. Dort lag die Sonne auf ihrem Kopf, als entfache sie einen Brand in ihrem Haar.

*


Trotz der in ihrer Fantasie vortrefflich gelungenen Szene des Blutbads konnte Giulia nicht mehr einschlafen. Sie stand auf und schlich in den Wohnraum. Dort öffnete sie die Balkontür und sah hinunter. Ein weiß gekleideter Araber überquerte die Straße. Von hinten hätte man ihn für Bruno halten können. Unter dem fließenden Stoff der Kutte bildeten sich ein muskulöser Rücken mit leicht vorgebeugten Schultern, schmale Hüften und zwei damit kontrastierende pralle Gesäßhälften ab. Der Anblick erinnerte Giulia an die Anfänge ihrer Beziehung. Damals hatten sie diese Körpermerkmale stark erregt. Und alles, was er bei den Intimitäten wollte, hatte ihr gefallen. Ihr Interesse an Brunos Körper war während des Zusammenlebens rasch auf Null geschrumpft, ja unter die Nulllinie gesunken. Seine sexuelle Begierde blieb dagegen unverändert. Es verursachte ihr nun Brechreiz, ihn jeden Tag nach dem Mittagessen zu befriedigen. Oral.

*


Mia saß auf der Sesselkante. Angelotti erklärte ihr, dass er in der Rolle des Gewaltopfers ein neues, unverbrauchtes Erlebnis suche. Sie fühlte sich durch seinen Blick herausgefordert, zustimmend zu nicken. Plötzlich hatte Angelotti das Gefühl, Mias Unbehagen spränge auf ihn über. Er stand auf, nahm sie am Arm und führte sie auf die Terrasse. Dort forderte er sie mit einer Handbewegung auf, sich neben ihn an die Brüstung zu stellen. Auf die Weise konnte er weiterreden, ohne dass sie sich ansehen mussten. „Meine Ermordung könnte auf einer Verwechslung beruhen. Schildern Sie meinen Tod im Drehbuch also wie ein zufälliges, ein beliebiges Ende. Ein beliebiges Ende ist das böseste Ende. Nicht?“ Trotz der stechenden Sonne schien sie ihm zu frösteln. Hitzefrösteln! Er schüttelte nur den Kopf. „Jetzt zum Rest der Geschichte. Ich möchte in dem Film einen hohen Politiker darstellen. Er ist in eine Bestechungsaffaire verwickelt. Was für eine genau, entscheiden Sie. I soliti appalti: öffentliche Aufträge gegen Stimmen. Der Mann ist öffentlich wie privat ein mittleres Scheusal. Er betrügt seine Frau so, dass sie es erfahren muss. Er geht zu Prostituierten, um sie schlecht zu behandeln. Mit seinen Untergebenen treibt er gewisse üble Spielchen. Je mehr sie ihn fürchten, desto lieber schikaniert er sie. Den Weg nach oben bahnt er sich skrupellos; Konkurrenten werden beseitigt. Wie, überlasse ich Ihnen. Nicht blutig. Auf dem Gipfel der Macht verfügt er über ein derart solides Beziehungsgeflecht, dass er sich weder vor der öffentlichen Meinung noch vor den Strafverfolgungsbehörden fürchtet, als der Bestechungsskandal ans Licht kommt. Am Ende ist ihm nichts nachzuweisen, und dann fällt er, sozusagen aus heiterem Himmel, diesem Mord zum Opfer, der nicht das Geringste mit seiner Person zu tun hat. Ähnlich zufällig hat in Macchiavellis Novelle über Castruccio Castracane den mächtigen Herrn von Pisa und Lucca der Tod ereilt. Auf der Höhe seiner Eroberungen brachte ihn keine Intrige, sondern eine banale Grippe um. Er hatte sich im Luftzug erkältet. Eine hinterhältige Pointe.“ Sie murmelte ständig hm, hm; es begann ihn zu stören. „Gefällt Ihnen das grobe Gerüst? Sie dürfen nach Belieben pikante Szenen nach Ihrem Geschmack einfügen, oder meinem. Ich will zum Beispiel nach meiner vorläufigen Festnahme während des Verhörs misshandelt werden, um mich später, nach Feststellung der Beweisnot, brutal zu rächen... Haben Sie schon vor Augen, wie Sie meine Ermordung im einzelnen ausführen wollen?“,fragte Vittorio Angelotti mit zusammengekniffenen Augen, die Palazzi gegenüber waren so grell. Mia zuckte zusammen. Ein Lufthauch fuhr unter seinen roten Seidenmantel. Der Mantel bauschte sich über den Kniekehlen und drohte schon die Hüften zu entblößen, besser: Hinterbacken und Geschlecht. So weit kam es nicht. Eine andere Luftbewegung drückte die Stoffblase zusammen; die Seide klebte nun an den Oberschenkeln. Er bedauerte, dass sie nicht seinen rot modellierten Penis beachtete, nicht einmal mit einem Seitenblick.
     „Ich werde mir etwas überlegen", faselte Mia.
     Seine Gegenwart hemmte sie; Angelotti wusste, ihr würde hier und jetzt nichts weiter einfallen. Er fasste sie wieder am Arm und führte sie langsam über die Terrasse und durch den Salon zum Ausgang.

*


Es kostete die Blonde Überwindung, in den engen Aufzug zu steigen und sich auf den nächsten Mann vorzubereiten. Sie wusste weder seinen Namen, noch kannte sie seinen Beruf. Die meisten sahen sich irgendwie genötigt, näher über sich Auskunft zu erteilen. Größtenteils falsche Auskunft, wie sie sich denken konnte. Allerdings glaubte sie, ihn schon einmal in den Fernsehnachrichten bemerkt zu haben, in der Menge der im Parlament sitzenden Abgeordneten.
     Lina, die Putzfrau, hatte das Bett neu überzogen, hellviolett, und eine Zeitlang die Fenster geöffnet. Die Luft blieb dennoch schwül. Ein Geruch von in der Erregung abgesonderten Körpersäften hielt sich hartnäckig über dem Bett. Der Mann wollte einfach nackt vor ihr liegen. Angeblich wagte er niemandem, außer ihr, gegen Bezahlung, seinen Körper zu enthüllen.
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