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Der Regisseur
Verfasser: Olivia Kleinknecht (5)
Verlag: Eigenverlag (14388), epubli (997) und Ludwig (17)
VÖ: 13. September 2002
Genre: Gegenwartsliteratur (2718)
Seiten: 435 (Taschenbuch-Version), 438 (Taschenbuch-Version Nr. 2), 420 (Kindle-Version)
Thema: Regisseur (52)
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LESEPROBE
Das Team von Leserkanone.de bedankt sich bei Olivia Kleinknecht für die Einsendung dieser Leseprobe! Mehr zu Olivia Kleinknecht gibt es bei Facebook.
Bei Amazon ist das Buch an dieser Stelle erhältlich. Bei diesem Link handelt es sich um Werbung, er enthält einen Affiliate-Code.

     Von Anfang an hatte Bruno es entschieden abgelehnt, auch nur den kleinsten Beitrag zur täglichen Bewältigung des Haushalts zu leisten. Nicht etwa nur aus Bequemlichkeit, wie sie zunächst annahm, sondern weil er, wie sie später herausgefunden hatte, fürchtete, sich zu entehren. So musste sie sogar die strapaziösesten Hausarbeiten alleine verrichten, wie zum Beispiel die schweren Müllsäcke hinunter schleppen. Bruno rührte keinen Finger im Haushalt und brüstete sich damit auch noch vor seinen Kollegen. Anfangs hatte sie gegen Brunos Verhalten nicht protestiert, weil sie völlig unerfahren gewesen war. Nach und nach war in ihr dann ein solider Missmut gewachsen. Und später hatte sie es nicht mehr gewagt, ihre Unzufriedenheit zur Sprache zu bringen. Die Gewohnheiten waren mit der Zeit unumstößlich geworden und jedes Rütteln daran wäre für Bruno völlig unverständlich gewesen.
     Giulia stellte den Meeresfrüchtesalat in einer gläsernen Schüssel vor Bruno auf den Tisch, setzte sich ihm gegenüber und sah ihn teilnahmslos an. Er hatte die Zeitung beiseite gelegt, um das Essen zu inspizieren. Seit sie den Entschluss gefasst hatte, gelang es ihr, seine Anwesenheit Momente lang fast völlig zu ignorieren.

*


Ein Kellner kam an den Tisch, um die Bestellungen aufzunehmen. Angelotti bestellte nur eine Vorspeise und teilte nicht Mia, sondern dem Kellner mit, dass er frühzeitig aufbrechen müsse. Mias Gesicht verfärbte sich weinrot, und von da an setzte sich die Unterhaltung schleppender fort. Fünfzehn Minuten später stand Angelotti mit gespielter Hast auf. Während er die Terrasse zum Ausgang hin überquerte, spürte er Mias Blick im Nacken, als steche ihm jemand mit einer ganz feinen Nadel zwischen zwei Wirbel. Er drehte sich noch einmal zu ihr um, ein winziger Coup de théâtre, bevor er aus ihrem Blickfeld verschwand.
     Mia haftete mutlos an ihrem Sitz, stocherte in den eingelegten Auberginen und grübelt über ihr Leben nach, um nicht an Vittorio Angelotti denken zu müssen. Was wie Gift gewesen wäre. Gestern hatte sie sich entschieden, die Sache selbst anzugehen. Das Problem war zu absurd, als dass sie es jemandem erzählen konnte, ohne auf Unverständnis zu stoßen. Ein an sich harmloses Handicap, eher trivial: Sie errötete ständig und aufgrund der unsinnigsten Anlässe. Die Vielfalt der Gelegenheiten, bei denen es geschah, war unübersehbar, und so sah sie sich immer wieder neuen, unangenehmen Überraschungen ausgesetzt. Einer der groteskeren Fälle hatte sich während ihres Literaturstudiums ereignet. Bei einer Vorlesung im kleinen Kreis hatte sie vom einen zum andern Moment nicht mehr begriffen, was der Professor sagte, nur noch Bruchstücke verstanden, Wortfetzen. Soweit nichts Ungewöhnliches; das konnte passieren, kurz bevor man aus Langeweile einschlief. Sie war aber hellwach gewesen. Und das Schlimme: die Wortfetzen verbanden sich in ihrem Kopf allesamt zu Obszönitäten. Es passierte nicht nur einmal, sondern immer wieder. Die eigentlich stupide Angst, man könne ihr anmerken, was in ihr vorging, steigerte die anfangs nur blasse Röte auf ihrem Gesicht fühlbar zu tiefem Purpurrot. Da man so etwas, ihrer Meinung nach, nicht abstrakt in den Griff bekommen konnte, blieb nur eins übrig: Sie musste sich mit ihrer Vergangenheit beschäftigen, in der Hoffnung, dass ihr daraus mit der Zeit irgendeine Erklärung erwüchse, und mit der Erklärung eine Art Heilung, wenn man es so nennen konnte. Während Mia eine pechschwarze Haarsträhne um ihren rechten Zeigefinger wickelte und mit der Linken die übrigen Auberginen an den Tellerrand schob, dachte sie darüber nach, wie sie dabei vorgehen sollte. Es war aussichtslos, nach einem bestimmten, lange zurückliegenden Ereignis zu forschen, bei dem sie zum erstenmal errötet war, das Schlüsselereignis herauszufinden, von dem man auf alle weiteren Episoden ähnlicher Art schließen konnte. Ein ungefährer Zeitpunkt, seit dem der peinliche Zustand regelmäßig auftrat, ließ sich allerdings angeben. Ihre orange geschminkten Lippen formten das Wort Pubertät. Seit dem Bruch mit der Kindheit also.

*


Die Blonde stieg an der dreizehnten Haltestelle aus. Graffiti übersäte Werbeplakate säumten die Straße der Vorstadtgegend EUR. Sie ging neugierig auf die überdimensionalen Teller Spaghetti in leuchtroter Soße zu, um die mit hoher anatomischer Präzision gesprühten Schweinereien auf den Teigwaren und Gabeln näher zu beäugen. Penisse, erigiert, durchschnitten, Tropfen speiend, keine einzige Vagina.
     In ihrer Wohnung streifte sie zuerst die Eidechsenlederschuhe ab, dann ging sie barfuß, wie hingehauchte Schweißabdrücke auf den dunklen Keramikfliesen hinterlassend, ins Wohnzimmer und ließ sich dort in den Venturi-Sessel fallen. Selbst am Abend war es noch heiß; die engen Innenräume kühlten nur langsam ab.
     Vor ihrem Fenster ragte grau eine Betonwand auf. Sie hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, über die Wand hinwegzusehen und sich allein mit dem Stück Himmel darüber zu beschäftigen, bis sie das Gefühl hatte, dass der Platz, an dem sie sich befand, überall auf der Welt sein konnte.

*


Angelotti bog energisch in den Hof seines Palazzos, Palazzo Tritone in der Via Tritone, ein und nahm jeweils drei Stufen der zu seiner Wohnung hinaufführenden flachen Granittreppe auf einmal. Es dauerte ihm zu lange, seinen Schlüssel zu suchen, deshalb läutete er. Niemand reagierte, keiner näherte sich der Tür. Er tastete fluchend seine Hosentaschen ab, zog schließlich den an einer kleinen Goldkette hängenden Schlüssel heraus und stieß mit der Schulter die holzgetäfelte Tür auf; seine Ungeduld hatte sich in Zorn verwandelt. Als er vom andern Ende der Wohnung ein Geräusch vernahm, das darauf hinwies, dass doch jemand da war, durchquerte er keuchend den Gang zu seinem Schlafzimmer. Dort saß Giulio auf dem Bettrand, eine junge, makellose und beinahe langweilige Schönheit, eben im Begriff aufzustehen, das Läuten hatte ihn anscheinend aus dem Schlaf geweckt. Angelotti wusste, seine Laune würde sich erst bessern, wenn er sich sexuell befriedigte. Er streifte in einem Gewaltakt Jackett und Hemd ab, warf beides auf einen Sessel, trat vor Giulio und fuhr ihm leicht, aber kalkuliert langsam, so dass die Geste etwas Nachdrückliches erhielt, mit der Hand durchs lockige Haar. Auf einmal packte seine Hand einen blonden Haarbüschel, er zog Giulios Gesicht an seinen Unterleib. Giulio griff nach Angelottis Hüften und befreite ihn von den restlichen Kleidungsstücken, so als ob er eine große Frucht schälte. Angelotti umschloss mit der freien Hand sein pochendes Glied und stieß es zwischen Giulios halbgeöffnete Lippen.

*


Mia war der Meinung, letzten Endes gebe es kein psychologisches Problem, das sich nicht als Wahrnehmungsproblem im weitesten Sinn begreifen ließ. Was war es also, was die Wahrnehmung während ihrer Kindheit von der Wahrnehmung nach diesem zumindest ungefähr definierbaren Zeitabschnitt unterschied? Während sie nervös an dem weiß lackierten Nagel ihres Ringfingers kaute, fiel ihr plötzlich ein befriedigendes Abgrenzungskriterium ein: der Grad der Unmittelbarkeit des Erlebens. Die Erlebnisse, an die sie sich aus ihrer Kindheit erinnern konnte, waren unmittelbarer, sie konnte auch sagen, intensiver als die Erlebnissen ihres späteren, Erwachsenenlebens. Lag das nun daran, dass in ihrer Kindheit zwischen ihr und dem Erlebten kein regelrechter Abstand bestanden und sich später etwas zwischen sie und die Erlebnisse geschoben hatte? Oder war es einfach nur so, dass mit dem Fortschreiten der Jahre und der Erfahrungen immer weniger Erstmaliges ihren Empfindungen Ursprünglichkeit verlieh? In jedem Fall, die Erlebnisunmittelbarkeit verlor sich mit ihrer Kindheit. Und ließ sich das nun irgendwie mit ihrem peinlichen Erröten in Verbindung bringen? Vielleicht tat sich hier eine Möglichkeit auf, eine privilegierte Einsicht in das lästige Problem zu gewinnen. Ein Kellner entfernte mit sachlicher Miene Vittorio Angelottis Gedeck und wollte die Bestellung des Secondo aufnehmen. Sie zwang sich zu einer Frittata mit schwarzen Trüffeln, um das Gesicht zu wahren.

*


Bruno las die Zeitung, während er aß, und bediente sich, ohne hinzusehen, aus der Glasschüssel. Tintenfischstückchen fielen von seiner Gabel zu Boden. Giulia sah darüber hinweg. Es war ihr angenehm, dass er sie nicht beachtete; so konnte sie ungestört fantasieren. In ihren Träumereien gab sie sich ein jüngeres und hübscheres Aussehen; gerade als sie an ihrem Typ arbeitete, ihre kräftigen Beine und das zu breite Gesäß in schlankere Formen dachte, die braune Lockenfrisur und das runde Gesicht auf Ornella Muti abstimmte, der sie mit achtzehn ein wenig geähnelt hatte, schreckte sie ein durchdringendes Quietschen auf. Bruno rückte den Tisch beiseite und stand auf. Die Zeitung fiel zu Boden. Er schob sie mit dem Fuß in ihre Richtung, wohl um anzudeuten, sie könne sie aufsammeln und wegwerfen. Während Giulia mechanisch den Tisch abräumte, ertönte von nebenan der Fernseher in schädlicher Lautstärke.

*


Ein Schweißtropfen rollte Angelotti über die Stirn und lief in die Vertiefung seines linken Auges. Er wischte sein Gesicht mit einem handeingefassten Batisttaschentuch, legte sich neben Giulio auf den Rücken und betrachtete die Lichtreflexe der Straßenbeleuchtung an der von bukolischen Figuren umkränzten Stuckdecke. Ein Zucken lief über sein Gesicht, ein Nachbeben der Lust. Er schloss erschöpft die Augen und drehte sich zur Seite. Giulio wusste, dass er jetzt gehen musste. Angelotti schlief immer alleine. Am nächsten Morgen aufzuwachen und jemanden neben sich im Bett zu finden, widerstand ihm. Giulio drückte mit einem leisen Klicken die Tür ins Schloss und zog sich in sein Zimmer am Ende des Korridors zurück.

*


Die Blonde überlegte versonnen lächelnd, dass sie am nächsten Tag drei Termine hatte. Das bedeutete 2.500.000 Lire. An Tagen anspruchsvoller Arbeit ging sie in ihr bevorzugtes Restaurant Il Gattino hinter der Oper. Sie liebte es, alleine auszugehen. Überall wurde sie von den Kellnern und auch den Padroni zuvorkommend behandelt. Sie wusste, weshalb. Oder sie besuchte Luxusboutiquen. Seit sie ihren Beruf ausübte, hatte sie immer mehr bürgerliche Elemente in ihr Leben eingefügt, und jedes dieser Elemente brachte sie einer bürgerlichen Existenz näher, und zwar einer soliden und unverbrüchlichen. Davon war sie überzeugt. Sie hatte auch den Eindruck, dieser immer dichter gewirkte Teppich von Bürgerlichkeit überdecke unangenehme Vorkommnisse, wie sie ihre Arbeit öfter mit sich brachte, ließe sie rascher in Vergessenheit geraten. Und sofern sie doch hartnäckiger in ihrer Erinnerung haften blieben, hielt sie sich vor Augen, dass sie in zehn Jahren ein Kapital angesammelt hätte, von dem sie, immer noch attraktiv, bequem leben konnte. Sie schaltete mit einer lässigen Bewegung den Ventilator neben dem Bett ein, damit die warme Luft in Bewegung käme, sich besser mit der von draußen hereindringenden kühleren Nachtluft vermengte. Ihr fiel wieder Vittorio Angelotti ein. Er hatte dramatisch große, dunkelbraune, fast schwarze Augen. Wenn sie sich weiteten, traten sie so prall aus den Höhlen, dass man Angst bekam, sie kullerten, oder besser sprangen, heraus. Solche Augen besaßen auch Rinder. Und in Palermo, woher sie stammte, war es ein Kompliment, wenn man sagte, jemand hatte Occhi di bue: Ochsenaugen. Ihr kam in den Sinn, dass auch Angelotti das Ekelhafte in ihrem Beruf abmilderte. Er rückte ihre Tätigkeit in ein edleres Licht, so wie Verliebtheit alles in ein feineres Licht rückte.

*


Der Fernseher verstummte. Wie jeden Abend ging Giulia gleich nach Bruno ins Bad, um dann zwei Stunden schlaflos an seiner Seite zu verbringen, bis auch sie endlich einschlief. Bruno duldete nicht, dass sie später als er zu Bett ging, da er beim kleinsten Geräusch aufwachte. Sie legte sich an den äußersten Rand des Ehebetts und gab sich Mühe, sich nicht zu bewegen. Bruno erkundigte sich noch, ob sie, wie im Mietvertrag verlangt, die Wohnung gesäubert hätte, und ob alles, bis auf Reisekleidung und seinen Rasierapparat, eingepackt sei. Dann drehte er ihr den Rücken zu und schlief sofort ein. Sie hörte es an seinem hemmungslosen, hier und da pfeifenden Schnaufen. Giulia sann lustlos darüber nach, warum sie wohl Bruno geheiratet hatte. Anfangs hatte er sie stark erotisch angezogen. Gerade seine Rücksichtslosigkeit, dieser Anflug von Brutalität, verlieh ihm die sexuelle Ausstrahlung. Später hatte sich die Anziehung allerdings ins Gegenteil gekehrt.

*


Sein Kopf kam ihm zentnerschwer vor, und es bereitete ihm unsägliche Mühe, ihn vom Kissen zu heben. Angelotti blinzelte in das durch einen Spalt zwischen den Samtvorhängen einfallende Licht. Er hatte sich zwar lange nicht völlig, aber doch zu sehr verausgabt gestern. Die Folge war immer dieselbe: Migräne und ein lästiges Gefühl von Trostlosigkeit. Meistens vergingen Trostlosigkeit wie Migräne eine halbe Stunde nach dem Aufstehen von selbst. Er blieb minutenlang auf dem Bettrand sitzen, mit hängendem Kopf vor sich hin starrend, und dachte an nichts. Schließlich trat er benommen auf die Terrasse vor seinem Schlafzimmer, blickte missmutig auf die Palazzi gegenüber, schloss die Augen und versuchte an seinen nächsten Film zu denken. In seinen Filmen erfüllte er sich Träume, die in der Realität nicht machbar waren, weshalb er oftmals nicht nur Regie führte, sondern gleichzeitig die Rolle eines der Protagonisten übernahm. Er freute sich schon jetzt auf die Szene, in der er sich auf besonders blutrünstige Weise von einer engelhaft aussehenden Frau umbringen, oder besser abschlachten lassen wollte. Als er laut auflachte, bemerkte er, wie ihn jemand von einem Fenster gegenüber beobachtete. Es war klar, dass er Aufmerksamkeit erregte, schließlich war er nackt. Er spähte neugierig zu dem Fenster hinüber. Die Gestalt verschwand sofort. Er entschied, es sei ein Mädchen zwischen zwölf und fünfzehn und spürte eine wollüstige Kühle im Rücken, in Höhe der Nieren. Sie stieg bis zum Nacken empor und breitete sich als Prickeln über seine Arme bis in die Fingerspitzen aus. Fünf Minuten blieb er stehen, die Beine gespreizt, eine Hand in die Seite gestemmt, dort wo die Haut über dem Hüftknochen besonders weich ist, und starrte gespannt auf das Fenster. Nichts geschah. Es hätte ihn amüsiert, wenn sich das Mädchen noch einmal gezeigt hätte. Angelotti wandte sich enttäuscht ab und verschwand zwischen den Vorhängen seines Schlafzimmers.

*


Um elf Uhr vormittags musste die Blonde in ihrem Studio in der Via Veneto sein. Sie hatte grandios geschlafen und frühstückte auf ihrem Küchenbalkon. Mit dem Rücken zu der Betonschlange, in der sie wie in Sargschachteln wohnten. Die Sonne schien ihr warm auf Kopf und Schultern - es war noch Zeit zum Träumen.

*


Angelotti musterte eingehend seinen Körper im Barockspiegel vor seinem Bett; die Latissimi dorsi, das kräftig geschwungene Gesäß, die breiten Schultern, die schwarzen Bursthaare, ganz vereinzelt ein graues, die dunkelroten Nippel - sie sahen aus wie bemalt, Frauen bemalten sie tatsächlich, ging es ihm kurz durch den Kopf, mit was nur... -, seine langen, muskulösen Beine, die feinzellige Haut der Bauchdecke und der Leistenbeugen, schließlich grinsend die pechschwarzen Härchen seines Geschlechts... In letzter Zeit drängte sich ihm immer wieder eine merkwürdige Geschichte auf. Es gab in diesem Universum nichts, sagte er sich, was nicht gedacht werden konnte. Ein Jenseits konnte immer nur die Strukturen haben, die wir ihm in unserer Imagination verliehen. Warum sollte es dort also keine Hölle geben, die er sich als Ort äußerster Qualen vorstellte, an deren Realisierung er im Diesseits schon irgendwie beteiligt war. Ein pikantes Detail dieser vielleicht auch wahnhaften Vorstellung drängte sich ihm besonders beim Essen auf. Wenn er zum Beispiel mit scharfem Messer ein Fleischstück zerschnitt, schien es ihm manchmal so, als füge er irgendjemand in einer jenseitigen Hölle unerträgliche Schmerzen zu... Als es läutete, machte er keine Anstalten zu öffnen. Um die Zeit konnte es nur Maria, seine Haushälterin, sein. Sie hatte einen Wohnungsschlüssel. Sollte sie den gefälligst benützen. Verflucht!

*


Die goldene Uhr an ihrem schmalen Handgelenk zeigte fünf vor elf an. Die Blonde war bereit. Ihr erster Kunde war ein pensionierter Bankdirektor zwischen fünfundsiebzig und achtzig, verhältnismäßig gut erhalten - nur Hände und Füße wirkten knochig und leicht verkrümmt. Außerdem zog sich ein hässliches Geflecht von bläulichen und grünlichen Adern rings um die Fußgelenke, und auch rötliche. Die rötlichen erinnerten sie an Gewürm, deshalb musste sie den Blick darauf möglichst vermeiden. Man hätte ihren Ekel bemerken können, Ekel war nicht professionell. Sie schloss die Fensterläden und die Vorhänge. Eine winzige Lampe mit zylinderförmigem Schirm unmittelbar neben dem Bett tauchte den Raum in schwaches, orangefarbenes Licht. Sie wirkte noch jünger bei dem Licht, wie fünfzehn.
     Sein Besuch begann, wie jedesmal, mit einer längeren Unterhaltung. Es lief noch nichts. Sie musste ihm Gelegenheit geben, sich überlegen oder gemein zu zeigen. Es brachte ihn in Hitze. Besonders glatt ging alles, wenn er sich schon Tage lang vorher ausgedacht hatte, wie er sie verbal ärgern konnte; sie hatte ein Gespür dafür, dass er so einer war. Sobald sich bei ihm Anzeichen stärkerer Erregung zeigten, begann sie, ihn auszuziehen. Sie konnte solche Anzeichen schon am Körpergeruch erkennen, sogar wenn jemand noch im Anzug steckte, also nicht etwa erst an einem gewöhnlichen Ständer. So, dass es schmerzte, grub sie ihre Fingernägel - sie hatte sie extra spitz gefeilt - in seinen Rücken. Um es ihm zu erleichtern.
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