Diese Website nutzt technisch notwendige Cookies, nähere Infos finden Sie hier
45.784 REGISTRIERTE BUCHBEWERTER
Wir grüßen unseren neuesten User »miureall547«!
  START   NEWS   BÜCHER   AUTOREN   THEMEN   VERLAGE   BLOGGER   CHARTS   BUCH FEHLT SUCHE:  
LESERKANONE
Benutzername:

Passwort:
Passwort?
Account anlegen
Gewinnspiel
 
Werbung:
BUCH @ AMAZON
 
Lea Joan Martin 0 Fans
Herkunft: Deutschland
Webseite: Offizielle Homepage von Lea Joan Martin
Twitter: @leajoanmartin
Facebook: literaturistmehralsbedrucktespapier
Instagram: leajoanmartin
Interview: Leserkanonen-Interview mit Lea Joan Martin vom 09.07.2021
 
Leserkanonen-Exklusivinterview vom 09.07.2021
Im Juni hat Lea Joan Martin ihren Roman »Die Kommunistin« veröffentlicht. Im Interview mit Leserkanone.de sprach die Autorin über das Buch, über anspruchsvolle Literatur und über ihren eigenen Verlag.

Frau Martin, vor Kurzem erschien Ihr Roman »Die Kommunistin«. Womöglich hat noch nicht jeder Besucher unserer Webseite Notiz von dem Buch genommen, könnten Sie es unseren Lesern daher kurz mit eigenen Worten vorstellen?

Der Roman beginnt mit dem Blick in einen Hinterhof, wo ein Hauswart seine drei Schäferhunde an den Mülltonnen vorbeiführt. Für die Heldin sieht er aus wie ein Blockwart, und dieser Blick ist der Ausgangspunkt meines Romans. Stella möchte nicht zu einer Gesellschaft gehören, in der sie überall Nazis sieht. Doch auch ihre eigenen Vorfahren waren in der NSDAP. Sie befasst sich mit dem Marxismus und gerät über ihren Freund in eine kommunistische Splittergruppe, die wie eine Sekte funktioniert. Sie tut alles, um dazu zu gehören - bis sie schwanger wird und ihr Weltbild ins Wanken gerät.

Den Lesern welcher anderer Autoren oder welcher anderen Romane würden Sie Ihr Buch ans Herz legen? Haben Sie literarische Vorbilder? Was sind Ihre eigenen Lieblingsromane?

Ich denke, es ist in der Literatur wie mit der Liebe. Man fühlt sich angezogen - oder nicht. Die Autoren, vor allem aber auch die Autorinnen, die meine Vorbilder wurden, sind es deshalb geworden, weil sie etwas in mir verändert haben. Sie schrieben völlig anders als alles, was ich bis dahin gelesen hatte. Das Wichtigste, um eine gute Begegnung mit Büchern zu machen, ist für mich, dass man den eigenen Gefühlen traut und sich für Dinge öffnet, die einen wirklich stark anziehen. Neugier und die Lust, sich einzulassen, sind wichtiger als alles, was man bisher gut fand. Ich habe viele literarische Vorbilder, angefangen von (natürlich) Johann Wolfgang von Goethe, Thomas Mann, Stefan Zweig, Franz Werfel, Anton Tschechow, Heinrich Heine, Kurt Tucholsky über Ingeborg Bachmann, Christa Wolf, Irmtraud Morgner, Bertolt Brecht, Franz Kafka, Erich Fried, Anna Seghers bis zu Virginia Woolf, Doris Lessing, Sylvia Plath, Susan Sontag, Mascha Kaléko, Hilde Domin. Es gibt so viele wunderbare SchriftstellerInnen, dass die wirkliche Herausforderung darin besteht, sich von ihnen zu lösen, um einen eigenen Weg zu finden. Zu den Romanen, die mich am meisten beeinflusst haben, gehören»Die Wahlverwandtschaften« und »Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre« von Goethe sowie »Malina« von Ingeborg Bachmann. Das liegt daran, dass ich durch sie während meines Studiums der Literaturwissenschaften ein Verständnis dafür entwickelt habe, wie Literatur als Kunst funktioniert. Zu verdanken habe ich das Prof. Dr. Heinz Schlaffer, bei dem ich in Stuttgart studieren durfte. Sein analytischer Scharfsinn war von einer Liebe motiviert, die meine Sicht auf Literatur geprägt hat und auch auf das, was wir als Literaturkritik erleben - und erleiden.

Sieht man sich Bestsellerlisten an, so findet dort man selten etwas, das sich nicht klar als Krimi oder Thriller, als Liebesroman, historischer Roman oder - seltener - als Fantasyroman einordnen lässt. Ihr Buch scheint uns keiner Schublade zu entsprechen - warum sollten »Routinekäufer« trotzdem oder gerade deshalb der »Kommunistin« eine Chance geben? Was halten Sie selbst für die größten Alleinstellungsmerkmale Ihres Buchs?

Ich bin nicht sicher, ob »Routinekäufer« meine »Kommunistin« kaufen sollten. Das ist, als ob sie jemandem, der immer Fast Food isst, empfehlen, er solle sich doch einfach mal vegan ernähren. Oder Sie sagen zu jemandem, der gewohnt ist, ins Bordell zu gehen: Verlieb dich doch einfach mal, das ist viel schöner. Menschen ändern ihr Verhalten in der Regel erst dann, wenn sie einen gewissen Leidensdruck haben. Wir sind gewohnt, uns auf eine Weise »unterhalten« zu lassen, die gleichzeitig »fesselt« und ablenkt. Wir sind an Berieselungs-Literatur gewohnt, die wie ein warmer Sommerregen in den Garten fällt, während wir geschützt auf der Veranda sitzen. Meine »Kommunistin« legt den Finger auf eine Wunde, die - auch wenn sie teilweise schon vernarbt ist - immer noch schmerzt. Es ist ein politischer Roman, dem ich bewusst das Zitat von Rosa Luxemburg vorangestellt habe, dass es auch politisch ist, unpolitisch zu sein. Das wie ich hoffe - Alleinstellungsmerkmal meines Buches ist, dass ich keine Handlung konstruiere, um etwas zu zeigen oder zu beweisen. Denn was sollte bewiesen werden? Alle Welt weiß, was Auschwitz bedeutet. Auschwitz wird für immer mit Deutschland assoziiert. Es gibt soziologische Studien, die nahelegen, dass die Traumata der Kinder- und Enkelgeneration von Holocaust-Opfern und Holocaust-Tätern einander ähneln. Mein Roman erzählt von einer jungen Frau, die versucht, dieses Trauma aufzulösen.

Was macht Ihre Protagonistin Stella zu einer solch »besonderen« Romanfigur, dass man sie unbedingt kennenlernen sollte? Was schätzen Sie an ihr persönlich?

Stella ist eine junge Frau, Anfang zwanzig, die gegen ein historisches Trauma kämpft. In ihr ringen Selbsthass und Selbstvertrauen miteinander, Lebenslust und Lebensekel. Ich weiß nicht, ob man Stella unbedingt kennenlernen sollte. Ich weiß nur, dass sie mir sehr vertraut ist. Ich schätze ihren Mut, ihre Ehrlichkeit, ihren unerschrockenen Blick. Und ich schätze die Entscheidungen, die sie trifft, auch wenn sie aus einer bestürzenden Härte gegen sich selbst resultieren.

In der Vergangenheit haben Sie Kurzgeschichten geschrieben, Kolumnen, Gedichte, nun also einen Roman. Wie kommt es zu einer solch ungewöhnlichen Kombination? Und anhand welcher Maßstäbe entscheiden Sie, in welche Richtung das jeweils nächste Projekt gehen soll?

Ist die Kombination ungewöhnlich? Ich habe mich schreibend aus der »kleinen« Form des Gedichts über Kolumnen zu Erzählungen zu meinem ersten Roman vorgewagt. Für mich ist das eine logische Entwicklung. Ich musste erst mal mit den kleinsten Einheiten der (deutschen) Sprache klar kommen, musste mich dort ausprobieren, um Vertrauen in meine eigene Sprache zu entwickeln. Wenn ein Gedicht zu schreiben, ist, als schwimme man in einem See, gleicht das Schreiben eines Romans schon eher einem Eintauchen in einen Ozean. Wenn ich schreibe, fühle ich mich frei, und diese Freiheit realisiert sich auch in der Entscheidung, welches Projekt ich wann weiter entwickle. Solange ein Projekt wie eine Schwangerschaft ist, die ausgetragen werden will, treffe ich meine Entscheidungen intuitiv. Nähert sich die »Geburt« in Form eines Buches, spielt Disziplin eine große Rolle. Der wichtigste Maßstab für die Richtung, in die ich gehe, ist meine Intuition, also die innere Stimme, der ich folge, weil ich ihr vertraue. Sie ist der wichtigste Maßstab, den ich habe.

Sie haben »Die Kommunistin« in Ihrem eigenen Literaturverlag veröffentlicht. Was hat Sie einst dazu bewogen, Bücher selbst zu verlegen? Was können Sie als Autorin in Ihrem Verlag umsetzen, das Sie in einem großen Publikumsverlag nicht könnten?

Die Kontakte mit Verlagen waren für mich als Autorin frustrierend und demotivierend. Das Hauptargument, mit dem mein erstes Buchprojekt abgelehnt wurde, war, dass es keine entsprechende Rubrik gebe. Ich habe die Rubriken der Verlage daraufhin studiert und fand, dass ihnen tatsächlich Rubriken fehlen. Vor allem wurde mir klar, dass ich in gar keine Rubrik passen möchte. In der Literatur, wie überall, gibt es neben dem Handwerk auch KünstlerInnen, die eher selten in Schubladen passen. Mit meinem Verlag wollte ich ein »Geburtshaus« für solche »unpassenden« Bücher eröffnen. Mein Verlag ermöglicht mir, ein Buchprojekt von der ersten Idee bis zur Cover-Gestaltung so umzusetzen, wie ich es für richtig halte. Vor allem ermöglicht er mir auch, mich einer Kommerzialität zu entziehen, die alle Kunst tötet. Natürlich freue ich mich, wenn jemand ein Buch von mir kauft. Es freut mich, gelesen zu werden und ein positives Feedback zu erhalten. Bücher zu verkaufen, ist etwas Tolles. Das Problem ist, wenn du dich (!) verkaufst, um ein Buch zu schreiben. Der Warencharakter der Bücher ist ein Problem für die Kunst. Denn Kunst entsteht immer am Rand des Marktes, jenseits aller kommerziellen Überlegungen. Ich habe meinen Verlag übrigens nicht nur für mich selbst gegründet. Im letzten Jahr habe ich das Buch »Augenhöhe« des in der DDR bekannt gewordenen Liedermachers und Schriftstellers Stephan Krawczyk veröffentlicht.

Ihr Buch ist ausschließlich als Printversion erschienen. Wird es bei dieser Art der Veröffentlichung bleiben, oder können auch E-Book-Fans in Zukunft noch auf Ihre Geschichte hoffen? Insbesondere Self-Publisher gehen heutzutage oft den umgekehrten Weg und verzichten gänzlich auf Printversionen, wie kam es dazu, dass Sie dies anders angegangen sind?

Ein Buch ist für mich wie eine Geburt, ein sinnliches, haptisches Erlebnis. Würde es nicht gedruckt, wäre das für mich, als würde ich ein Kind im Reagenzglas aufwachsen sehen. Ich möchte es spüren, fühlen, es aus dem Regal ziehen, wieder rein stellen, darin blättern, Anstreichungen machen und erleben, wie es ein Teil von mir wird, in meinem Leben, in meiner Wohnung. Da viele LeserInnen gern eBooks lesen, biete ich bereits zwei meiner Bücher auch als eBooks an. Es ist eine gute Idee, auch die »Kommunistin« als eBook herauszubringen.

Was können wir von der Autorin Lea Joan Martin in der nächsten Zukunft erwarten? Sind bereits neue Buchprojekte in Planung? Stehen außerdem Termine für Messen, Lesungen & Co. fest, bei denen man Sie live erleben kann?

Ein Projekt, an dem ich arbeite, ist eine Sammlung von Interviews mit Frauen, die finanzielle Gewalt in ihren Beziehungen bzw. Familien erlebt haben oder erleben. Als weiteres Projekt habe ich vor, ein Buch zu publizieren, das vor fast dreißig Jahren entstand. Ich habe damals Gespräche mit internationalen AutorInnen aus der DDR geführt, um zu hören, wie sie die Wende und die deutsche Einheit erleben, und die Ergebnisse mit Texten der SchriftstellerInnen kombiniert. Dreißig Jahre später, liest es sich wie das lebendige Zeugnis aus einer Zeit, in der es die Chance zu einem echten Dialog zwischen Ost und West gab. Ich möchte gern einen Beitrag leisten, diesen Dialog wiederaufzunehmen. Besonders gern führe ich Lesungen bei Lese-Events wie »Eat & Read« durch, wo es mir darum geht, Wohn- und Arbeitsräume für Literatur zu öffnen. Jenseits von Talkshows und Bühnen über Literatur miteinander zu reden, hat eine eigene Qualität. Für mich hat Kultur da ihre Wurzeln, wo wir miteinander leben und arbeiten. Literatur ist (nur) ein Teil dieser Kultur. Wer Lust auf eine Veranstaltung mit mit hat, kann mich gern anschreiben. Ich freue mich auf neue Begegnungen.

Das Team von Leserkanone.de dankt Lea Joan Martin für die Zeit, die sie sich genommen hat!

Weiterführende Links:
Offizielle Webseite von Lea Joan Martin
Lea Joan Martin bei Twitter
Lea Joan Martin bei Facebook
Mailkontakt zu Lea Joan Martin
Lea Joan Martin bei Instagram
»Die Kommunistin« bei Leserkanone.de
»Die Kommunistin« bei Amazon
Interview aus- und Bücherliste einblenden
 
Ein Interview von: Daniela Peine  •  Hinweise für Autoren, Verlage & Co.  •  Leseproben vorstellen  •  Impressum  •  Datenschutz