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Katharina Martin-Virolainen 0 Fans
Herkunft: Russland
Webseite: Offizielle Homepage von Katharina Martin-Virolainen
Twitter: @martikat_de
Facebook: k.martin.virolainen
Instagram: martikat.de
Interview: Leserkanone.de-Interview mit Katharina Martin-Virolainen vom 30.09.2020
 
Leserkanone.de-Exklusivinterview vom 30.09.2020
Jeder einzelne von uns hat eine Geschichte.
Und jede einzelne von ihnen ist es wert, erzählt zu werden.

In ihrem aktuellen Werk »Im letzten Atemzug« beschäftigt sich Katharina Martin-Virolainen mit dem Leben von Russlanddeutschen. Im Interview mit Leserkanone.de sprach die Autorin über das Buch, über Identität, Zugehörigkeit und Heimat, und über das Autorenleben.

– Frau Martin-Virolainen, vor einiger Zeit erschien Ihr Buch »Im letzten Atemzug«. Womöglich hat noch nicht jeder Besucher unserer Webseite Notiz von dem Buch genommen, könnten Sie es unseren Lesern daher kurz mit eigenen Worten vorstellen?

Mein Buch ist ein Sammelband mit sowohl autobiografischen Erzählungen, als auch mit Berichten aus dem Leben anderer Russlanddeutschen, denen ich eine Stimme geben wollte. Im Laufe der letzten Jahre habe ich viele interessante Persönlichkeiten kennengelernt, viele Lebensberichte gehört und dachte mir sehr oft: Irgendwo muss man das doch festhalten können! Manche Geschichten gehen unter die Haut, sie sind ein wichtiges Zeitzeugnis. Doch sie verschwinden nach und nach. So, wie auch die ältere Generation nach und nach von uns geht. Ich wollte diesen Menschen eine Stimme geben, sie in meinen Erzählungen weiterleben lassen. Daher entschied ich mich, einige Lebensberichte literarisch zu verarbeiten und - meist anonymisiert - in mein Buch aufzunehmen.

– Den Lesern welcher anderer Autoren oder welcher anderen Werke würden Sie Ihr Buch ans Herz legen? Haben Sie literarische Vorbilder? Was sind Ihre eigenen Lieblingsbücher?

Jedem, dem der Begriff »Heimat« nicht fremd ist - oder im Gegenteil, jemandem, der absolut nichts damit anfangen kann: Denjenigen kann ich mein Buch empfehlen. Ich lade in meinen Erzählungen auf eine literarische Reise ein, auf eine Suche nach der eigenen Identität, der Zugehörigkeit und der echten Heimat. Jeder definiert diesen Begriff für sich. Manche brauchen, wünschen sich eine Heimat, andere lehnen diese Vorstellung ab. Ich habe meine eigene Erklärung für den Begriff »Heimat« gefunden und dieses Buch ist eine Art Dokumentation dieser Suche.
In meinem Leben gab es viele Bücher, die mich geprägt haben. Mein absoluter Favorit ist »Der Vorleser« von Bernhard Schlink. Bis heute unübertroffen. Diese Geschichte lässt mich nicht los. Ein Meisterwerk, das mit seiner Handlung die empfindlichen Saiten meiner Seele berührt, die beim Lesen so angespannt werden, dass sie zu reißen drohen. Doch Bernhard Schlink lässt durch seine Erzählweise immer wieder eine gewisse Sehnsucht einfließen, diese Sehnsucht nach der Hoffnung. Das, was uns Menschen ausmacht: In jeder noch so schrecklichen, ausweglosen Situation den kleinen Lichtstrahl der Hoffnung suchen. Dieses Buch hinterlässt bei mir jedes Mal gemischte Gefühle, eine seltsam schöne und bittersüße Traurigkeit.
Zu meinen literarischen Vorbildern zählt Gusel Jachina, eine russische Schriftstellerin tatarischer Herkunft. Ihr Buch »Suleika öffnet die Augen« erinnerte mich an das Schicksal meiner finnischen Urgroßmutter, die ebenfalls als »Frau des Volksfeindes« nach Sibirien deportiert wurde. Dank dem Buch von Gusel Jachina, hat die mir bis dahin unbekannte und unsichtbare Urgroßmutter, endlich Gestalt angenommen, ein Gesicht und eine Stimme bekommen. Gusel Jachina hat eine ganz besondere Schreibweise. Ihre Erzählart löst in mir jedes Mal starke Gefühle aus, lässt die Handlung lebendig wirken. Als würde jemand einen Film in meinem Kopf abspielen. Momentan lese ich ihr Buch »Wolgakinder« und bin nicht weniger beeindruckt.
Da die russlanddeutsche Literatur bei der deutschsprachigen Leserschaft leider noch nicht so präsent und bekannt ist, würde ich den Leserinnen und Lesern gern die Werke von russlanddeutschen Autorinnen und Autoren ans Herz legen: Von Viktor Heinz, Nora Pfeffer, Wendelin Mangold, Agnes Gossen, Heinrich Rahn und anderen. Informationen zu russlanddeutschen Autoren findet man zum Beispiel auf dem Portal des Literaturkreises der Deutschen aus Russland. (https://literaturkreis-autoren-aus-russland.de).
Sehr bewegend fand ich persönlich das Buch von Nelli Kossko »In den Fängen der Zeit«. Unglaublich authentisch und schmerzhaft ehrlich geschrieben. Für mich ist dieses Buch ein einzigartiges, unvergleichliches Zeitzeugnis. Wer sich mit unserer Geschichte auseinandersetzen möchte, sollte dieses Werk unbedingt lesen.

– Wenn man nicht in der Materie steckt, könnte man den Eindruck bekommen, dass Russlanddeutschen im 2020er Alltag von Nicht-Russlanddeutschen wenig (bis keine) Aufmerksamkeit geschenkt wird. Warum sollten die Letztgenannten trotzdem (oder gerade deswegen) bei Ihrem Buch zuschlagen und es lesen?

Jeder Mensch hat eine Geschichte. Egal, woher er kommt. Ich erzähle die Geschichte der Deutschen aus der ehemaligen Sowjetunion. Mir ist bewusst, dass dieses Thema nicht jedem bekannt oder für jeden interessant ist. Aber der Sammelband »Im letzten Atemzug« ist eine Einladung zum Kennenlernen und Begegnen.
Mein Buch haben bereits auch Nicht-Russlanddeutsche gelesen und auch sie haben sich in manchen Geschichten erkannt! Es gibt so viel, was uns Menschen verbindet. Ganz gleich, wer wir sind, woher wir kommen, wo wir leben: Wenn wir uns auf menschlicher Ebene begegnen und alle Vorurteile ausschalten, werden wir feststellen, dass wir mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede haben. Ich habe auf meinem Weg bereits viele Menschen getroffen, die mir Spannendes aus ihrem Leben zu erzählen hatten. Jeder von uns hat eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden.
Leider waren wir tatsächlich eine sehr lange Zeit unsichtbar. Man hat uns in der Gesellschaft kaum wahrgenommen. Und die Wahrnehmung, beziehungsweise die Darstellung in den Medien, war in letzter Zeit manchmal leider auch nicht so berauschend. Es war oft verzerrt, teilweise sogar verletzend und diffamierend. Umso mehr verstärkte sich mein Gefühl, dass die Begegnungen für das gegenseitige Verständnis von großer Bedeutung sind sind. Selbst, wenn diese Begegnungen nicht persönlich, sondern »nur« auf literarischer Ebene stattfinden. Mein Buch liefert einen Einblick in unsere Geschichte, unsere Vergangenheit und in das Leben unserer Leute. Wenn nach dem Lesen noch Fragen offen bleiben - bin ich für meine Leserinnen und Leser da.

– Welche Rolle spielt die Suche nach Identität, Zugehörigkeit und echter Heimat in Ihrem eigenen Leben?

Eine sehr wichtige Rolle. Das hängt sehr stark mit meiner Familiengeschichte zusammen: Ich habe deutsche, russische und finnische Wurzeln. Meine Vorfahren haben in Russland - in Karelien, Sibirien und im ehemaligen Gebiet Leningrad, sowie in Kasachstan, in Wolhynien in der Ukraine, in Schlesien und im ehemaligen Preußen gelebt. Ursprünglich kommen meine deutschen Vorfahren aus dem Schwarzwald und aus Baden. Sie waren Jahrhundertelang freiwillig - oder gezwungen unterwegs. Mussten oft ihre Heimat verlassen, sich an neuen Orten ansiedeln, neues Leben aufbauen, sich an neue Umgebung und neue Lebensbedingungen anpassen. All das hinterließ Spuren auch bei uns, der Nachkommen-Generation.
Das ist so spannend, sich mit der Familiengeschichte auseinander zu setzen. Oft habe ich mir die Frage gestellt: Wer bin ich eigentlich? Wo gehöre ich hin? Wo liegt meine Heimat? Brauche ich überhaupt eine Heimat? Das war ein sehr langer und schwieriger Prozess mich sehr zuordnen und verorten zu können. Meine Herkunftsfäden ziehen sich aus vielen Ecken dieser Erde zusammen und machen mich zu dem Menschen, der ich heute bin. Und ich liebe diese Vielfalt in mir drin. Manchmal ist es schwierig so viele unterschiedliche Elemente in sich vereinen zu müssen, aber meistens ist es eine Bereicherung.

– Ihr Buch ist eine Sammlung von biografischen Erzählungen und Lebensberichten. Nach welchen Maßstäben haben Sie ausgewählt, welche Beiträge Platz in Ihrem Buch fanden? Was macht die thematisierten Russlanddeutschen zu ganz »besonderen« Menschen?

Als ich beschlossen habe ein Buch zu veröffentlichen, plante ich zunächst, dass es ausschließlich autobiografische Geschichten sein werden. Aber im Laufe der letzten Jahre habe ich viele Interviews geführt, viele Menschen getroffen. Sie erzählten mir ihre Lebensgeschichte und dieses Gefühl, dass ich diese Berichte nicht einfach in meiner Schublade verschwinden lassen kann, wurde immer stärker. Die Schicksale und dieses Wissen, was die Menschen erleben mussten, hat mich oft auch belastet. Deshalb habe ich einen Weg gesucht, wie ich es für mich verarbeiten kann. Ich habe einige Geschichte literarisch aufgearbeitet. Ich wollte nicht, dass diese Geschichten verloren gehen.
Momentan arbeite ich an einem Roman. Zehn Jahre lang habe ich diese Geschichte mit mir herumgetragen, bis ich, übrigens auf Rat einer guten Freundin, den Mut gefunden habe, sie aufzuarbeiten. Ich schreibe nicht immer und nicht nur über Russlanddeutsche. Ich schreibe in erster Linie über Menschen. Ich schreibe über nicht ganz einfache Schicksale von einfachen Menschen. Das Leben schreibt die besten, die spannendsten und leider auch oft die tragischsten Geschichten. Diese Geschichten wollte ich bewahren. Ich wollte sie retten, weil ich weiß, dass ich vielleicht die Einzige bin, die das in die Außenwelt tragen kann. Weil diejenigen, die mir das erzählt haben, nicht mehr da sind.

– »Im letzten Atemzug« ist Ihr Erstlingswerk. Fühlt sich das »Autorenleben« genauso an, wie Sie sich das vorher vorgestellt haben? Was wünschen Sie sich vom deutschsprachigen Buchmarkt und von Ihrer Leserschaft im Speziellen?

Das Autorenleben ist wundervoll! Ich liebe den Austausch mit meinen Leserinnen und Lesern. Ich habe bereits vor der Erscheinung des Buches einige Lesungen gehabt und Texte veröffentlicht. Aber das eigene Buch in den Händen zu halten ist etwas ganz Besonderes.
Ich habe bereits viele Rückmeldungen zu meinem Buch bekommen. Jedes Mal bin ich aufs Neue berührt. Damit sind so viele Emotionen verbunden. Es ist dieses schöne Gefühl, dass Menschen sich in meinen Geschichten erkennen.
Vom deutschsprachigen Büchermarkt wünsche ich mir, dass man uns, russlanddeutschen Autorinnen und Autoren ein bisschen mehr Beachtung schenkt. Ich habe bereits davon gesprochen, dass wir viele talentierte Schriftsteller und Schriftstellerinnen haben. Sie verdienen diese Anerkennung und die Aufmerksamkeit.

– Was können wir von der Autorin Katharina Martin-Virolainen in der nächsten Zukunft erwarten? Sind bereits neue Buchprojekte in Planung? Stehen außerdem Termine für Messen, Lesungen & Co. fest, bei denen man Sie live erleben kann?

Bald soll mein erster Roman erscheinen. Das war eine sehr harte Arbeitsphase. Ich bin schon sehr aufgeregt und fiebere diesem Moment entgegen, wenn ich das fertige Buch endlich in der Hand halten kann. Es trägt den Titel »Die Stille bei Neu-Landau« und erzählt die Geschichte einer Schwarzmeerdeutschen. Das ist ebenfalls ein unbekanntes Kapitel der deutschen Geschichte. In diesem Roman werfe ich viele Themen auf, die unsere Community betreffen, und vor allem die junge Generation beschäftigen. Ich schreibe über Generationenkonflikte, über Wunden und Aufarbeitung der Vergangenheit, über die unbewusste Weitergabe von Traumata.
Parallel arbeite ich immer wieder an neuen Kurzgeschichten - in deutscher und russischer Sprache. Wann und wo, und ob sie überhaupt erscheinen, steht natürlich noch in den Sternen.
Ich bin aktiv in sozialen Netzwerken unterwegs und stehe den Leserinnen und Lesern jederzeit zu einem Austausch zur Verfügung. Ich freue mich immer über neue Rückmeldungen zu meinen Werken und neue Bekanntschaften. Nicht selten sind aus diesen zufälligen Begegnungen tolle Freundschaften entstanden. Es gibt so viel, dass uns Menschen miteinander verbindet. Uns verbindet mehr, als uns trennt. Und meine Bücher helfen mir dabei, diese Verbindung zu den Menschen herzustellen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Das Team von Leserkanone.de dankt Katharina Martin-Virolainen für die Zeit, die sie sich genommen hat!

Weiterführende Links:
Offizielle Webseite von Katharina Martin-Virolainen
Katharina Martin-Virolainen bei Twitter
Katharina Martin-Virolainen bei Facebook
Katharina Martin-Virolainen bei Instagram
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